Polens Ex-KP-Chef Jaruzelski tot - Kämpfer gegen Solidarnosc

Warschau (APA) - Der letzte kommunistische Staatschef Polens, Wojciech Jaruzelski, ist am Sonntag 90-jährig gestorben. Bis knapp vor seinem ...

Warschau (APA) - Der letzte kommunistische Staatschef Polens, Wojciech Jaruzelski, ist am Sonntag 90-jährig gestorben. Bis knapp vor seinem Tod stand Jaruzelski trotz seines hohen Alters in der Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft wollte den Ex-General für die Verhängung des Kriegsrechts 1981 im Kampf gegen die Bewegung Solidarnosc vor Gericht bringen. Zuletzt ließ das sein Gesundheitszustand aber nicht mehr zu.

Jaruzelski hatte keineswegs die - aus damaliger Sicht - idealen Voraussetzungen für einen Staatsmann der Volksrepublik Polen. Er stammt aus dem Kleinadel. Sowohl Vater als auch Mutter brachten Ländereien im heutigen Ostpolen mit in die Familie. Als Kind soll Wojciech sehr gläubig gewesen sein.

Außerdem machte Jaruzelski früh negative Erfahrungen mit der Sowjetunion. Denn nachdem die Familie vor dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 nach Litauen geflohen war, wurde sie dort 1940 von den Sowjet-Truppen verhaftet und ins südliche Sibirien deportiert. Beim Holzfällen in der Taiga, bei dem er helfen musste, erkrankte er an Schneeblindheit. Deshalb musste Jaruzelski bis zuletzt eine getönte Brille tragen. Sein Vater verstarb während der Strapazen der Zwangsarbeit.

Trotzdem trat Wojciech Jaruzelski als 20-Jähriger in die „Polnische Armee in der Sowjetunion“ ein, die unter der Führung der Roten Armee stand. Er nahm an der Eroberung von Warschau teil und erlebte das Kriegsende in der Nähe von Berlin.

Als Berufssoldat machte Jaruzelski eine Blitzkarriere. Er arbeitete in der Zentralverwaltung der Offiziersschulung und wurde schon 1956, mit 33 Jahren, zu einem der jüngsten Generäle in Polen befördert. Dazu trug wohl auch bei, dass er seit ihrer Gründung 1948 Mitglied der Vereinigten Polnischen Arbeiter-Partei PZPR war.

Seine politische Karriere begann Jaruzelski 1960 als Leiter der Politischen Hauptverwaltung in der Armee - der verlängerte Arm der Staatspartei bei den Streitkräften. Wenige Jahre später wurde der General Mitglied im Zentralkomitee der PZPR und 1968 Verteidigungsminister. Er profitierte dabei von einer antisemitischen Kampagne innerhalb der Partei, die zur Entlassung seines Vorgängers führte.

Am 18. Oktober 1981 wurde Jaruzelski zum ersten Sekretär des Zentral-Komitees der PZPR gewählt. Nur zwei Monate später rief er den Kriegszustand aus und setzte sich an die Spitze des „Militärrats zur Rettung der Nation“ (WRON), der die Regierung übernahm. Damit einher ging das Verbot der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarnosc“ (Solidarität). Der Kriegszustand endete offiziell am 22. Juli 1983.

Anfang 1989 initiierte Jaruzelski die Gespräche am Runden Tisch, bei denen die Regierung mit Vertretern der Kirche und der Opposition verhandelte. Das Ergebnis waren die ersten teilweise freien Parlamentswahlen im Juni. Jaruzelski übernahm das neu geschaffene Amt des Präsidenten. Bei der ersten freien Präsidentenwahl 1990 trat Jaruzelski nicht an.

Trotz seines Rückzuges aus der aktiven Politik nahm Jaruzelski weiter an gesellschaftlichen und politischen Debatten teil. Im April 2007 leitete die Staatsanwaltschaft des Instituts für das nationale Gedächtnis (IPN) wegen der Verhängung des Kriegszustandes ein Strafverfahren gegen Jaruzelski und andere Ex-Funktionäre ein.

Sie warf ihm unter anderem vor, mit dem „Militärrat zur Rettung der Nation“ eine „verbrecherische Organisation“ geschaffen zu haben. Bereits 1970 soll er für den Tod von protestierenden Arbeitern mitverantwortlich gewesen seien. Dies Gerichtsverfahren wurde aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes gestoppt. Ab Mitte Mai wurde Jaruzelski nach einem Schlaganfall in der Intensivstation eines Militärspitals behandelt, wo er am Sonntag verstarb.