Ukraine-Wahl - Präsidialamt wird kein Zuckerschlecken für Poroschenko

Kiew (APA/dpa) - Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die Ukraine einen Milliardär als neuen Präsidenten bekommt. Der Süßwarenunternehmer Por...

Kiew (APA/dpa) - Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die Ukraine einen Milliardär als neuen Präsidenten bekommt. Der Süßwarenunternehmer Poroschenko liegt in Prognosen klar in Front. Den Oligarchen erwarten gewaltige Probleme.

Blutige Gewalt im Osten, ein tief gespaltenes Land, schwere wirtschaftliche Turbulenzen: Das Präsidentamt wird für „Schoko-Zar“ Pjotr Poroschenko kein Zuckerschlecken. Der Milliardär soll die allgegenwärtige Korruption zerschlagen, die sozialen Probleme lösen, das zerrüttete Verhältnis zum Nachbarn Russland kitten und die Westintegration umsetzen. Das zumindest erwarten die Ukrainer von ihrem künftigen Staatschef, den sie am Sonntag - ersten Prognosen zufolge - mit mehr als 55 Prozent der Stimmen gleich im ersten Durchgang gewählt haben.

„Es sieht so aus, als habe das Land einen neuen Präsidenten“, sagt Poroschenko. Bei seinem ersten Auftritt als Sieger zeigt er sich mit Ex-Boxer Vitali Klitschko, der in Kiew als Bürgermeisterkandidat antrat, auf einer Bühne in seiner Wahlkampffarbe Rot. Seine größte Konkurrentin, die Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, räumte ihre Niederlage noch am Wahlabend ein.

Bisher vor allem als Strippenzieher hinter den Kulissen bekannt, muss Poroschenko nun in der ersten Reihe Farbe bekennen. Sein Süßwarenunternehmen Roshen will er verkaufen, das Herzstück seines Imperiums. Aber etwa der Fernsehsender 5. Kanal soll ihm weiterhin gehören. Ein klarer Schnitt hin zu einer Trennung von Politik und Business sei das nicht, meinen Kritiker.

Zudem sehen durchaus einige Ukrainer den Oligarchen grundsätzlich kritisch. Zu lange schon bestimmen die Großindustriellen heimlich die großen politischen Linien. Dem ins Exil geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch - dessen Sturz nun Poroschenkos Wahl erst ermöglichte - wurde ein sehr inniges Verhältnis zum Großkapital nachgesagt.

Andererseits: Poroschenko, so heißt es in Kiew häufig, sei ein Macher, ein Anpacker und jemand, der verhandeln könne. Er sei ein Mann des Ausgleichs, der in allen Teilen des zerspaltenen Landes gut ankomme - wobei er die prorussischen Separatisten in der Ostukraine scharf als „Terroristen“ attackiert.

Viele Bürger trauen dem 48-Jährigen den wirtschaftlichen Fachverstand zu, die schweren Finanzprobleme des chronisch klammen Landes zu meistern. Schließlich ist die Ex-Sowjetrepublik so gut wie bankrott, harte Einsparungen sind nötig, mehr Belastungen für die Bürger, um die Kreditbedingungen internationaler Geldgeber zu erfüllen.

Das gute Verhältnis zur EU kann dabei helfen. „Diese Wahl war eine Wahl der europäischen Integration“, sagt Poroschenko. Der Vater von vier Kindern beherrscht die englische Sprache sehr gut.

Die Ukraine braucht dringend frisches Kapital, um die Milliardenforderungen aus Moskau zu begleichen. Der erbitterte Gasstreit hält die Ukraine wie in einem Schraubstock gefangen. Die Zahlungen der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds IWF sollten bitte - so betont der Kreml - doch gleich auf die Konten russischer Staatskonzerne landen.

Der Konflikt mit dem einstigen „Bruderstaat“ im Osten ist das drängendste außenpolitische Problem des künftigen Präsidenten der Ukraine. „Wir hatten nie solch eine Krise“, sagt Poroschenko. In Moskau wird Poroschenko durchaus geschätzt, für dessen Produkte Russland ein wichtiger Markt ist. Kremlchef Wladimir Putin hat sich zuletzt mehrfach bereit erkärt, mit Poroschenko als neuem Staatsoberhaupt zusammenzuarbeiten. Russland werde die Wahl des ukrainisches Volkes respektieren - von Anerkennung ist allerdings bisher keine Rede.

Bei einem Treffen in St. Petersburg mit den international führenden Nachrichtenagenturen macht Putin keinen Hehl daraus, dass er den neuen Staatschef angesichts der schweren Krise nur für eine „Übergangsfigur“ hält. Der Osten der Ukraine droht angesichts der zunehmend blutigen Gewalt und neuer Splittergruppen in einem Bürgerkrieg zu versinken.

Das ukrainische Militär bekommt trotz eines seit Wochen dauernden „Anti-Terror-Einsatzes“ die Region nicht unter Kontrolle. Dort haben die prorussischen Separatisten in weiten Teilen die Präsidentenwahl verhindert.

In einer Machtdemonstration fahren die moskautreuen Kämpfer mit schwerer Militärtechnik durch die Straßen der Industriemetropole Donezk. Tausende jubeln ihnen zu mit „Russland“-Sprechchören. Seine erste Reise werde ausgerechnet in jenen krisengeschüttelten Donbass führen, kündigt Poroschenko an. Nicht alle Ukrainer sind überzeugt, dass er das abtrünnige Gebiet auch tatsächlich halten kann.