Fußball-WM: „Maracana“ - Symbol für Demokratie und sozialen Wandel
Rio de Janeiro (APA) - Auf der Bergstraße zur weltberühmten Christus-Statue von Rio de Janeiro gibt es einen Punkt, an dem die soziale Vielf...
Rio de Janeiro (APA) - Auf der Bergstraße zur weltberühmten Christus-Statue von Rio de Janeiro gibt es einen Punkt, an dem die soziale Vielfalt Brasiliens quasi auf einen Blick übersehbar ist. Hinter einer Favela am Abhang breitet sich das moderne Häusermeer der Mega-Metropole aus. Und mittendrin steht das Oval des Maracana-Stadions. Auch symbolhaft für die Entwicklung des Landes. Und daher ein Zankapfel.
Als das „Maracana“ für die erste Fußball-WM auf brasilianischem Boden (1950) gebaut wurde, wollte sich das größte Land Lateinamerikas tolerant und demokratisch präsentieren. Vor allem aber als neues und modernes Gegenbild zu rassistisch-diktatorischen Ideologien, die Europa wenige Jahre davor in den Zweiten Weltkrieg getrieben hatten.
Dies sollte unter anderem durch den Bau des Maracana in Rio de Janeiro als größtes Stadion der Welt geschehen, wie Martin Curi meint. Der Deutsche ist Autor des Buches „Brasilien - Land des Fußballs“, das im Vorjahr im „Verlag Die Werkstatt“ erschienen ist. „Es sollte allen Brasilianern, unabhängig von Beruf, Geschlecht, Alter oder Hautfarbe, einen Platz bieten“, schreibt er dort.
„Mit 200.000 Plätzen fasste es rund zehn Prozent der damaligen Einwohner Rio de Janeiros.“ Das Maracana wurde kreisförmig gebaut. „Jeder Fan sollte den gleichen Blickwinkel auf den Rasen haben, und der Unterschied zwischen billigen und teuren Plätzen sollte verringert werden.“ Es gab völlige Bewegungsfreiheit und nur zwei Ränge. Insofern wurde das Stadion, das offiziell nach einem Journalisten Estadio Mario Filho benannt ist, auch als aus Beton gegossenes Manifest des brasilianischen Demokratieverständnisses und als Monument gegen Rassismus und soziale Ungleichheit verstanden.
Das hat sich mit der Neugestaltung moderner Prägung (genauer Sektoreneinteilung, 125 VIP-Logen a 50 Quadratmetern mit Bar und Terrasse und Extrazonen für die High Society etc.) geändert. Ein FIFA-Stadion eben. „Der Spiegel“ schrieb: „Das neue Maracana könnte überall stehen: in London, in Frankfurt, in Yokohama“.
„Sie haben das alte Maracana getötet“, kritisierte auch Gustovo Mehl, einer der Organisatoren der Protestbewegungen der vergangenen Monate bei diversen Medienauftritten. „Weil dieser Umbau eine bedauernswerte Entwicklung in unserer Gesellschaft fördert, der Tendenz zu mehr Ungleichheit.“
„Früher sollten eben breite Kreise der Bevölkerung die Chance bekommen, im Stadion dabei zu sein“, erinnerte sich Mehl an seine Jugend. Heute sind - natürlich auch wegen verstärkter Sicherheitsbestimmungen - hingegen „nur“ noch 77.000 Zuschauer zugelassen. Für Mehl ein Zeichen, dass bloß noch der Geldadel einen Zugang bekommen wird.
Ein Vorwurf, den das lokale FIFA-Organisationskomitee nicht gelten lässt. Durch die Neugestaltung seien die Preise nicht unbedingt für alle gestiegen, heißt es dort: „Es gibt jetzt nur unterschiedliche Kategorien. Das fängt bei 20, 30 Reais (6,2 bis 9,3 Euro) an und geht dann weit hinauf. Wie im Flugzeug. Du kannst Business-Class fliegen oder weiter hinten sitzen.“
Bei der WM-Endrunde würden zehn Prozent der Tickets sogar nach sozialen Kriterien vergeben: „Es wird Halbpreistickets geben.“ Davon profitieren Studenten, Pensionisten und Bezieher staatlicher Sozialhilfe. „Jeder Arbeiter, der an einem WM-Stadion mitgebaut hat, bekommt ein Gratisticket. Rund 50.000 Tickets wurden von der Regierung für Indigene reserviert.“
Für Martin Curi hängt der Mythos „Maracana“ aber auch mit anderen Faktoren zusammen. „Das Maracana ist ja nicht nur ein Fußballstadion, das ist ein ganzer Sportkomplex. Eine Sporthalle, ein Schwimmstadion, eine Leichtathletikhalle und sogar eine Schule“, erklärte er. Die Gebäude sollten fast alle abgerissen werden, um Parkplätze für die WM zu schaffen.
„Das war eine Riesendiskussion, weil die Leute diese Einrichtungen ja benutzt oder ihre Kinder in diese Schule geschickt haben.“ Dann gibt es in der Nachbarschaft das ehemalige Indianermuseum, das bereits am Einstürzen war und daher auch demoliert werden sollte. Das rief neben der lokalen auch die internationale Presse auf den Plan, die von Angriffen auf die Rechte der Indigenen berichtete. Das Gebäude blieb letztlich stehen, es wurde nach einer Alternative für Parkplätze gesucht.
Protestbewegungen wie „O Maracana e nosso“ („Das Maracana ist unser“) wollen auch während der WM demonstrieren. Etwa gegen die Privatisierung der um umgerechnet 400 Millionen Euro an Steuergeldern umgebauten Betonschüssel. Manche Fan-Aktivisten trauern aber einfach der Anarchie auf Brasiliens Fußballplätzen nach. In den Stadien waren bisher nummerierte Plätze und Sektorentrennungen nicht die Regel. Dafür Trommelwirbel, Getröte und riesige Fahnen. Die neuen Normen könnten zu Stimmungstötern werden, wird befürchtet: „Sie wollen das Maracana in Wimbledon verwandeln.“