„Mystikerin ohne Gott“: Autorin Marianne Gruber wird 70
Wien (APA) - 20 Jahre lang leitete Marianne Gruber die Österreichische Gesellschaft für Literatur. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag, den die Sc...
Wien (APA) - 20 Jahre lang leitete Marianne Gruber die Österreichische Gesellschaft für Literatur. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag, den die Schriftstellerin am Mittwoch (4. Juni) feiert, war Schluss: Im Jänner legte die gebürtige Wienerin ihr Amt zurück, will dem Haus „aber noch eine Weile erhalten bleiben“, wie sie auf der Website der traditionsreichen Vereinigung schreibt.
„Es war eine schöne, überaus interessante Zeit und ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich seit 1993 als Vortragende, Zuhörende, hilfreiche Ratgeberinnen und Ratgeber, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleitet haben“, blickt Gruber, die nach Übergabe der Geschäftsführung an Manfred Müller Ehrenpräsidentin wird, zurück. „Ohne Sie alle wäre nichts von dem möglich gewesen, was in den Programmen stand.“
Marianne Gruber wurde am 4. Juni 1944 als Marianne Wurzinger in Wien geboren und wuchs großteils im Burgenland auf. Sie nahm Klavierunterricht am Konservatorium der Stadt Wien und studierte einige Semester Medizin sowie Psychologie bei Viktor Frankl, der auch zu ihrem Mentor wurde. Zwei von Frankls Aussagen finden sich in allen Werken Grubers, wie die Autorin Barbara Neuwirth einmal beobachtete: „Freiheit ohne Verantwortung ist Willkür“ und „Verantwortung ohne Freiheit ist Schuld“. Neuwirth bezeichnete Gruber auch als „Mystikerin ohne Gott“.
In ihrem ersten publizierten Buch, „Die gläserne Kugel“ (1981), bediente sich Gruber des Science-Fiction-Genres, um ihre Themen „Existenzanalyse“ und „Widerstand“ darin zu verpacken. 1984 übernahm die Reihe „Phantastische Bibliothek“ den Roman als Taschenbuch. 1986 folgte „Zwischenstation“, ein Roman, der die Kritiker an Albert Camus zu erinnern pflegte. Camus zählt neben Samuel Beckett, Ernest Hemingway oder Marie von Ebner-Eschenbach auch tatsächlich zu den wichtigen Vorbildern Grubers.
Auch ein Kinderbuch verfasste Gruber: „Esras abenteuerliche Reise auf dem blauen Planeten“ (1992), wofür sie den Jugendbuchpreis der Stadt Wien erhielt. Sie veröffentlichte Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften und arbeitete für Fernsehen und Rundfunk in Österreich, Italien, Deutschland und der Schweiz. Der Band „Der Tod des Regenpfeifers“ (1991) erhält zwei Erzählungen („Der Tod des Regenpfeifers“ und „Die Spur des Falben“). Es folgte der Roman „Windstille“ (1992).
1991 bis 1993 war sie Vorsitzende der Literaturvereinigung „Podium“ und Herausgeberin der gleichnamigen Literaturzeitschrift. 1992 wurde sie Mitarbeiterin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und folgte im Jahr 1994 Wolfgang Kraus als Präsidentin an die Spitze dieser traditionsreichen Vereinigung. Ihre Arbeit galt hier der Literatur anderer, insbesondere auch den Autoren Osteuropas.
1995 erschien „Die Spinne und andere dunkelschwarze Geschichten“, 2005 „Ins Schloss“, eine Art Fortsetzung des zur Weltliteratur zählenden Klassikers von Kafka. Ein anspruchsvolle Unterfangen, das von der Kritik durchaus positiv beurteilt wurde. Zuletzt ließ Gruber in „Erinnerungen eines Narren“ (2012) einen Zirkusclown zurückblicken und alte Überlieferungen von Archimedes bis Romeo und Julia zurechtrücken. Philosophie, Geschichte und Mythologie sind ständige Begleiter auf dieser Reise zurück in die 1930er und 40er Jahre.
Gruber wurde im Laufe ihrer Karriere vielfach mit Auszeichnungen bedacht, darunter mit dem Würdigungspreis für Literatur (1997), dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien (2005) und der Ehrenprofessur der Universität Nishni Nowgorod (1997).