Terrorangriffe

Brutale Boko Haram verbreitet in Nigeria Angst und Schrecken

Fast täglich wird aus Nigeria von neuen Gräueltaten der Terrorgruppe „Boko Haram“ berichtet. Unter anderem starben gestern 40 Menschen durch eine Bombe, die entführten Schülerinnen bleiben weiterhin verschollen. Was für Ziele verfolgt die Sekte – und wie kann man sie stoppen?

Abuja/Wien – Die islamistische Gruppe Boko Haram bezeichnet sich selbst als „nigerianische Taliban“. Tatsächlich ist die Terrorgruppe ähnlich wie ihr afghanisches „Vorbild“ für zahlreiche blutige Anschläge in Nigeria verantwortlich. Auch die Forderung ist dieselbe: Die Scharia, eine islamische Rechtsordnung, im ganzen Land einzuführen. In zwölf der insgesamt 36 Teilstaaten des westafrikanischen Staates herrscht bereits die Scharia. Die Rechtsprechung sieht hier zum Teil drakonische Strafen, wie etwa die Steinigung für Ehebrecher, vor.

Sekte kämpft gegen westliche Bildung

Um ihre Forderungen zu realisieren, greifen die Mitglieder von Boko Haram zu drastischen Maßnahmen. Bei Anschlägen im ganzen Land starben seit Beginn des Jahres mehr als 2.000 Menschen. Gegründet wurde Boko Haram vor etwa zwölf Jahren. Anschläge gibt es allerdings erst seit Anfang 2010. Nach Ansicht der Afrika-Wissenschaftlerin Ingeborg Grau könnte die Verhaftung Mohammed Yusufs, dem damaligen Anführer und Gründer von Boko Haram, im Jahr 2009 zur Radikalisierung beigetragen haben. Ganz klar formuliert die Sekte, gegen wen sich ihre „Aktivitäten“ richten: Übersetzt heißt „Boko“ (Hausa) wörtlich „Buch“ und steht für Wissen und Bildung im westlichen Sinn, und „Haram“ (Arabisch) für alles „Unislamische“ und Verbotene.

Anschlag auf Fußballfans

Beim neuesten Anschlag in Nigeria, der voraussichtlich Boko Haram zugerechnet werden kann, starben 40 Menschen:

http://go.tt.com/T6vVzF

Der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten in Nigeria (Nigerian Supreme Council for Islamic Affairs, NSCIA) bezeichnete die Aktivitäten Boko Harams als „offensichtlich gegen den Islam“ und „Kriegserklärung für jeden Nigerianer“.

Terror könnte durch Entwicklung gestoppt werden

Um die Sekte, die vor eineinhalb Monaten 230 Mädchen entführte und seither festhält, langfristig zu unterwandern, müsse der Norden des Landes nachhaltig entwickelt werden, sagte der Ethnologe und Islamwissenschafter Roman Loimeier gegenüber der APA.

Borno, der nordöstliche Teilstaat, von dem aus Boko Haram operiert, sei von der Regierung in Abuja „sträflich vernachlässigt“ worden, meinte der Wissenschafter der an der Georg-August-Universität Göttingen lehrt. Generell ist der muslimisch geprägte Norden Nigerias wirtschaftlich wenig entwickelt und verarmt, während der Süden des Landes relativ gut erschlossen ist. Die Marginalisierung des Nordens mache es der Terrorgruppierung leicht, ihren Einfluss zu erhalten und erzeuge viel „Ressentiments und Zorn“, erklärte Loimeier. Oft aus Mangel an Perspektiven und unerträglicher Armut schließen sich junge Männer der sektenähnlichen Gruppierung an.

Als „Armutszeugnis“ bezeichnet Loimeier das Vorgehen der Regierung gegen Boko Haram. Schon viel früher – der allererste Anschlag der Gruppe, deren Name übersetzt „Westliche Erziehung ist Sünde“ heißt, fand 2003 statt – hätte man reagieren können. Tatsächlich reagiere die Politik aber „sehr einseitig, nämlich mit Repression“. Weil dabei sehr brutal vorgegangen werde - nicht nur Boko Haram, sondern auch die Regierung in Abuja gehe über Leichen, betont Loimeier – seien Ressentiments und das Erstarken der terroristischen Bewegung für ihn „kein Wunder“.

Muslime und Christen lehnen Terror ab

Ein Aspekt, der in westlichen Medien oft wenig Beachtung findet, ist die Tatsache, dass auch in Nigeria die Mehrheit der Bevölkerung - egal ob Christen oder Muslime - das Vorgehen von Boko Haram ablehnt, vor allem seit der Entführung der Mädchen im nördlichen Dorf Chibok. Selbst vielen radikalen Muslimen ist der Stil des Anführers Abubakar Shekau zu brutal. Auch Loimeier meint: „Ganz klar schneidet sich Boko Haram damit ins eigene Fleisch.“

Außerdem paradox: Die von Shekau in einem Video kolportierte Zwangsverheiratung und -konversion der entführten Mädchen ist ein grober Verstoß gegen den Koran, der eigentlich jeglichen Zwang verbietet. Und auch der Name der Sekte ist widersprüchlich zu ihrem Vorgehen. „Boko“ ist Hausa und bedeutet Buch bzw. steht für „westliche Erziehung“ oder Modernität, während „Haram“ (Arabisch) alles Verbotene bezeichnet. Natürlich besitzt Boko Haram nichtsdestotrotz moderne Waffen und nutzt Internet und Videos zur Kommunikation mit der Regierung - wie beispielsweise bei der Forderung Shekaus per Video nach einem Gefangenenaustausch. Mohammed Yusuf, Mitbegründer der extremistischen Bewegung, soll außerdem umfassende „westliche“ Bildung genossen haben. (APA, tt.com)