1914/2014 - Italiens Sieg über den „ewigen Barbaren“ Österreich
Trient (APA) - Wer heute durch die Straßen Trients, Roveretos oder selbst durch kleine Bergdörfer im Trentino wandert, stößt immer wieder au...
Trient (APA) - Wer heute durch die Straßen Trients, Roveretos oder selbst durch kleine Bergdörfer im Trentino wandert, stößt immer wieder auf Gedenktafeln mit heroisch-patriotischen Inschriften aus den unmittelbaren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. So prangt in Rovereto eine Marmortafel an einer Hauswand, die in goldenen Lettern den „Sieg über den ewigen Barbaren“ Österreich feiert, datiert 1919.
Auch vom „Unterdrücker“ oder dem „Kerkermeister der Völker“ ist häufig die Rede, vom Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Wie lassen sich solche überholten nationalistischen Ergüsse im Rückblick erklären?
Der Historiker Marco Mondini, Dozent an der Universität Padua und Forscher am italienisch-deutschen historischen Institut in Trient, ordnet diese Inschriften in das damalige politische Umfeld ein. Mit solchen Gedenktafeln und der Errichtung von Statuen italienischer „Helden und Märtyrer“ auf öffentlichen Plätzen sowie der Umbenennung von Straßen nach diesen sollte das Zugehörigkeitsgefühl der neuen Provinzen zu Italien auch symbolisch und ideologisch untermauert werden.
Kaum eine norditalienische Stadt ohne ein Monument für Giuseppe Garibaldi, der den Süden Italiens im 19. Jahrhundert von der bourbonischen Herrschaft befreite, kaum eine Stadt oder ein Dorf im Trentino, das nicht eine nach dem Irredentisten Cesare Battisti benannte Straße vorzeigen könnte. Der Trentiner Irredentist Battisti war im Ersten Weltkrieg zur italienischen Armee übergelaufen, wurde gefangen genommen und 1916 von den Österreichern als Deserteur in Trient hingerichtet. Noch heute wird er als Märtyrer der italienischen Einigung im Trentino verehrt. Dafür zeugt auch der monumentale Tempelbau mit neoklassizistischem Säulenrundgang, der weithin sichtbar über der Stadt am rechten Etschufer thront.
Lange bevor das faschistische Regime unter Benito Mussolini eine „monolithische und triumphale Sicht“ des Ersten Weltkrieges dekretierte, ließen zahlreiche Gemeinden auf eigene Initiative patriotische Gedenktafeln als sichtbares Zeichen ihrer Loyalität und Identifizierung mit dem neuen Vaterland an öffentlichen Plätzen anbringen. Mondini sieht in den Gedenktafeln und Monumenten zur Verherrlichung des italienischen Sieges eine Art „Bibel der Armen“. Den ungebildeten Schichten sollte auf diese Weise das Risorgimento, die „Wiedererstehung“ eines Nationalstaats Italien auf den Ruinen des antiken Rom, nahe gebracht werden.
Schwer zu beurteilen ist für Mondini, welche Rolle der Irredentismus bei der Entscheidung Italiens spielte, im Ersten Weltkrieg die Seite zu wechseln. Der Irredentismus sollte die Gebiete italienischen Volkstums wie das Trentino, Triest oder Istrien von den ungeliebten Habsburgern „erlösen“. Bis 1915 habe sich der Einfluss der Irredenta im Trentino und Triest in Grenzen gehalten. Viele Menschen fühlten sich noch „kaisertreu“. Dies galt vor allem für die Trentiner Landbevölkerung, aber auch für die bürgerliche Schicht in Triest.
Trotzdem war die Opposition im vorwiegend ländlichen, armen Trentino größer als in Triest. Die italienische Bevölkerung der reichen und wichtigsten Hafenstadt der k. u. k. Monarchie identifizierte sich weit mehr mit der Regierung im fernen Wien als die Trentiner, die unter der fehlenden politischen Autonomie und der ungerechten Verteilung der Ressourcen durch Innsbruck litten. Die Triestiner befürchteten dagegen, ihre Privilegien gegenüber dem slawischen Hinterland zu verlieren.
Den Irredentisten kam laut Mondini eine herausragende Bedeutung bei der interventionistischen Propaganda zu, die den Seitenwechsel Italiens 1915 psychologisch vorbereitete. Trotzdem war es nur eine Minderheit, die sich so wie Cesare Battisti nach 1914 entschied, für den Krieg gegen Österreich-Ungarn zu agitieren. Mondini beziffert ihre Zahl auf rund 2.000 in der turbulenten Zeit vor dem Kriegseintritt Italiens auf der Seite Frankreichs, Großbritanniens und Russlands.
Doch verfehlten sie ihre Wirkung dank ihres militanten Auftretens in der Öffentlichkeit nicht. Mit zahlreichen öffentlichen Versammlungen, Reden und Lawinen von Artikeln und Broschüren plädierten die Verfechter des Interventionismus in ganz Italien für das Ende der Neutralität und den Kampf gegen Österreich-Ungarn. Kriegstreiber und Nationalisten vereinten ihre Kräfte für das gemeinsame Ziel. Eine wichtige Rolle bei der nationalistischen Agitation spielte die Vereinigung „Trento e Trieste“, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet worden war. Mondini bezweifelt jedoch, ob diese nationalistische „Lobby“ allein ausschlaggebend für den Seitenwechsel Italiens war.
Aus der Sicht Mondinis trugen auch außenpolitische Spannungen zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Rom und Wien bei. Dazu gehörte vor allem die Rivalität um die Vorherrschaft in der östlichen Adria. Die österreichische Präsenz von Istrien bis Montenegro war Rom ein Dorn im Auge. Die Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 durch die Habsburger Monarchie führte zu zahlreichen anti-österreichischen Demonstrationen in Italien. Aber auch die „Unnachgiebigkeit und Oberflächlichkeit“ der deutschen und österreichischen Militärkaste gegenüber Italien mit dem k. u. k. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf an der Spitze spielte laut Mondini mit. Es war bekannt, dass Conrad von Hötzendorf schon vor 1914 Italien gegenüber feindselig eingestellt war und mehrmals einen Präventivkrieg gegen den „unverlässlichen“ Bündnispartner erwogen hatte.
Die schweren Niederlagen Österreichs in den ersten Kriegswochen in Galizien und die gescheiterten Angriffspläne des Deutschen Reichs auf Frankreich bewogen die italienische Regierung ebenfalls, ihre Haltung zu überdenken. Rom befürchtete, dass Großbritannien mit einer Schiffsblockade im Mittelmeer lebenswichtige Versorgungswege des Landes abschneiden könnte. Auch innenpolitisch wäre es der Regierung schwer gefallen, der Öffentlichkeit zu erklären, warum man sich auf einen langen und kostspieligen Krieg an der Seite des Erzfeindes ohne entsprechende Kompensationen einlassen sollte. Für die italienische Diplomatie und Politik ging es damit laut Mondini um „wesentlich konkretere und rationalere Interessen als die rein emotionale Agitation der Irredentisten“.
Im Rückblick war der Erste Weltkrieg aus italienischer Sicht eine „goldene Gelegenheit“, das Einigungswerk des 19. Jahrhunderts zu vollenden. Als eine der Siegermächte erhielt Italien 1919 im Vertrag von Saint-Germain nicht nur Triest und Trient, sondern auch Istrien und das deutschsprachige Südtirol zugesprochen. Mondini verweist darauf, dass die Gebietsgewinne unterschiedlich zu beurteilen sind. Die Brennergrenze war eine Bedingung der italienischen Regierung für den Kriegseintritt auf Seite der Entente. Die gebildete Öffentlichkeit in Italien sah darin hingegen einen Verstoß gegen das Nationalitätsprinzip. Es waren auch in erster Linie militärische Überlegungen, die Rom dazu bewogen hatten, die Brennergrenze zu fordern. Weil man nicht von einem Zusammenbruch der Donaumonarchie ausgegangen sei, habe man eine militärisch gut zu verteidigende Grenze gegenüber dem Nachbarn gefordert.
Mondini weist darauf hin, dass Rom auch sonst nicht strikt nach dem Nationalitätenprinzip agiert habe. So hätte man Österreich-Ungarn als Ausgleich für Triest Fiume (Rijeka) überlassen, obwohl die Hafenstadt italienischsprachig war. Man könne den damaligen italienischen Politiker nicht vorhalten, 1915 den Untergang des Habsburgerreiches nicht vorhergesehen zu haben, so Mondini. Höchstens nach 1917, als Italien noch immer an seinen Plänen festhielt, obwohl sich der Zerfall der Donaumonarchie in zahlreiche kleine Nationalstaaten abzuzeichnen begann. Erst als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson die Selbstbestimmung der Völker zum Kernpunkt der Friedensverhandlungen machte, geriet Rom in Erklärungsnot.
Nach Bekanntwerden der italienischen Gebietsforderungen reagierten auch italienische Intellektuelle und Meinungsmacher mit scharfer Kritik. Sie befürchteten, Italien habe sich damit mehr Probleme als Vorteile eingehandelt. Der Respekt der lokalen Autonomie gehörte damals noch nicht zu den europäischen Spielregeln, wie Mondini unterstreicht. Überdies hebt der Historiker hervor, hätten sich laut Berichten des italienischen Geheimdienstes unmittelbar nach dem Waffenstillstand Südtiroler Politiker „ziemlich zufrieden“ darüber gezeigt, nicht das Schicksal des besiegten Österreich teilen zu müssen. So blieb Südtirol von den erdrückenden Reparationszahlungen verschont, unter denen das zusammengeschrumpfte „Deutsch-Österreich“ litt.
Eine Nostalgiewelle in früheren Habsburger Gebieten wie Trient oder Triest kann Mondini nicht erkennen. In den letzten Jahrzehnten sei es in Italien immer wieder zu „seltsamen“ Nostalgien gekommen. So hätten 2011 Bourbonen-Anhänger anlässlich des 150. Jahrestages der Gründung des Königreichs Italien behauptet, Süditalien wäre unter den Bourbonen „glücklicher und wohlhabender als unter den Savoyern“ gewesen. „Das sind natürlich Dummheiten ohne jede Grundlage, für die sich nur ein paar Träumer ereifern“, kritisiert Mondini. Auch im Trentino, Triest oder Venetien verhalte es sich ähnlich.
Die Grüppchen, die den „schönen Zeiten“ unter Kaiser Franz-Joseph nachtrauerten, seien eine unbedeutende Minderheit. Wer im Trentino der „guten Verwaltung“ und den „schönen Zeiten“ unter Habsburg nachhänge, sei „nicht sehr vertraut mit Geschichtsbüchern“. Mit der „Kaisertreue“ sei es schon lange vor dem Kriegsende aus gewesen, gerade wegen der „Sturheit und Unnachgiebigkeit“ der zentralen Regierung in Wien und der regionalen in Innsbruck, da beide jede Form der Autonomie für das Trentino verhindert hätten. „Damals gehörte das Trentino zu den ärmsten Gebieten der Region, heute ist es eines der reichsten. Auch in dieser Hinsicht war der Erste Weltkrieg eine große Chance“, zieht Mondini Bilanz über die Rolle Italiens von 1914 bis 1918.
S E R V I C E: Im Juni erscheint ein Buch Mondinis zum Ersten Weltkrieg mit dem Titel „La guerra italiana. Partire, raccontare, tornare 1914-1918“. Vom 15. bis 17. Oktober organisiert er einen internationalen Kongress mit dem Thema „Krieg und Apokalypse“ in Trient.