Wiener Festwochen: „Cosi fan tutte“ als Heimspiel für Haneke
Nach ihrer umjubelten Premiere an Gerard Mortiers Madrider Opernhaus im Vorjahr gastierte die „Cosi fan tutte“ am Montagabend im Rahmen der Festwochen in Wien.
Von Martin Fichter-Wöß, APA
Wien – Nun ist sie also doch noch in Wien angekommen, die zweite Opernregie des österreichischen Oscar-Gewinners Michael Haneke: Nach ihrer umjubelten Premiere an Gerard Mortiers Madrider Opernhaus im Vorjahr gastierte die „Cosi fan tutte“ am Montagabend im Rahmen der Festwochen in Wien. Willkommen geheißen wurde das bei Haneke düstere Partnertauschdrama mit einhelligem Applaus für alle Beteiligten.
Rache- und Beziehungsdrama
Die Besetzung, die in einem aufwendigen Auswahlverfahren von Haneke gecastet worden war, ist schließlich dieselbe wie in Madrid - was sich als Segen erweist, wenn man die große Stärke dieser Inszenierung betrachtet: Die Personenführung. Die Interaktion der Figuren ist überdurchschnittlich, das Spiel der Gesten dominant. Nur selten steht ein Charakter aufgabenlos auf der Bühne in diesem stylischen Ambiente zwischen Kaminfeuer und Hausbar, dessen Lichtgebung den filmischen Hintergrund des Regisseurs offenbart.
Zugleich schert sich Haneke wenig um die Charakteristik des Librettos und inszeniert seine „Cosi“ nicht als heiteres Lustspiel, sondern als Rache- und Beziehungsdrama. Hausherr und Zeremonienmeister Don Alfonso gibt bei ihm ein Kostümfest, was schlüssig die Hereinnahme des Stoffes in die Gegenwart ermöglicht. An seiner Seite als Intrigantin, welche die Gefühlswelt der jungen Paare mit ins Chaos zu stürzen hilft, ist Despina keine Kammerzofe, sondern Don Alfonsos Gemahlin, mit ihm in steten Psychokrieg verstrickt.
Weniger schlüssig bleibt Hanekes Ansatz, die Treueprüfung, der Guglielmo und Ferrando ihre Bräute Fiordiligi und Dorabella unterziehen, als gleichsam freiwilliges Swingerspiel zu inszenieren. Die Schwäche jeder „Cosi“, dass die beiden Frauen ihre Liebhaber auch nicht im Körperkontakt wiedererkennen, erfährt auch bei Haneke keine Lösung. Stattdessen gehen Libretto und Bühnenhandlung immer wieder nicht auf. Warum die Liebhaber sich in einer Szene dann doch lachhaft verkleiden, warum Despina als Clowndoctor wie aus Confetti TiVi daherkommt, bleibt unklar.
Große Filmkunst auf der Opernbühne
Ungeachtet der wenigen humorvollen Momente bleibt Haneke dabei seiner Filmsprache treu und schafft eine düstere Welt der Gefühlsarmut und Härte. Somit ergibt sich immer wieder eine gröbere Diskrepanz zur heiteren musikalischen Grundstimmung des Mozart/DaPonte-Werks. Dirigent Sylvain Cambreling holt am Pult der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen immerhin aus der Partitur so viel Kantigkeit heraus, wie diese hergibt. Die Percussion ist dominant, die Dynamiken werden ausgekostet, was somit auch für die Pausen und Längen gilt. Immer wieder folgen auf flirrende Klangskulpturen der Quartette lange Momente der Stille.
Zum Liebling des Abends sang sich dabei die junge deutsche Sopranistin Anett Fritsch als Fiordiligi, die mit wandelreicher Stimme von Laszivität über harmloses Tändeln und Verzweiflung ob ihrer Triebe das gesamte Spektrum abrufen konnte. Mit warmem Mezzo gab Paola Gardina die leichtlebigere Dorabella im schwarzen Hosenanzug. Juan Francisco Gatell musste als Ferrando immer wieder sehr drücken, um seine Höhen zu erreichen, während Andreas Wolf als Guglielmo eine solide, wenn auch nicht herausragende Leistung ablieferte.
Alles in allem ist Michael Hanekes „Cosi fan tutte“ keine revolutionäre Arbeit sondern sehr solide Regie, die auf szenische Coups verzichtet und stattdessen auf psychologische Feinarbeit und Figurenchoreografie setzt. Dass es bei ihm kein Happy End gibt und er das Da-Ponte-Libretto noch zuspitzt, versteht sich von selbst: Verzweifelt zerren die Beteiligten im Schlusstableau aneinander - um dann in Lethargie zu enden.