Fußball: Brasilianischer Club-Fußball vor WM in der Krise
Rio de Janeiro (APA/Si) - Kurz vor der WM im eigenen Land droht der brasilianische Club-Fußball in eine Krise zu rutschen. Dabei schien sich...
Rio de Janeiro (APA/Si) - Kurz vor der WM im eigenen Land droht der brasilianische Club-Fußball in eine Krise zu rutschen. Dabei schien sich das Campeonato Brasileiro noch vor zwei Jahren als beste und umsatzstärkste Meisterschaft hinter der großen Ligen Europas zu etablieren.
Ende 2012 war der brasilianische Club-Fußball im Hoch. Das lag weniger an Corinthians Sao Paulo, das in Japan gerade die Club-WM gegen Chelsea gewonnen hatte, als am jungen Stürmer Neymar. Dieser hatte erklärt, dass er noch etwas länger in Brasilien beim FC Santos bleiben würde - sicher bis 2014 und bis zur WM im eigenen Land. Die europäischen Topclubs mussten warten auf den neuen Superstar.
Der Transfer oder eben Nicht-Transfer von Neymar war damals so etwas wie eine Staatsaffäre. Um den Avancen von Real Madrid oder dem FC Barcelona zu widerstehen, wurde das Salär von Neymar dank Hilfe des Staates und der Wirtschaft angehoben. Als Neymar mit Santos im Dezember 2012 einen neuen Vertrag unterzeichnete, beteiligten sich sieben verschiedene Firmen an den erhöhten Lohnkosten für den damals 20-Jährigen. Die Fäden für den Deal soll im Hintergrund Staatspräsidentin Dilma Rousseff in der Hand gehalten haben.
Ob an dieser Geschichte alle Details stimmen, ist nicht bekannt. Doch sie ist ein Indiz, wie die brasilianische Liga noch vor eineinhalb Jahren einen Boom erlebte. Mit der WM vor Augen stand plötzlich auch die nationale Meisterschaft, das „Campeonato Brasileiro Serie A“, im Fokus von Beobachtern im In- und Ausland. Altstars wie Ronaldinho, Deco oder Clarence Seedorf zogen ein Engagement in Brasilien den Petro-Dollar-Ligen in Katar oder Dubai vor, junge Brasilianer wie Neymar, Lucas oder Oscar blieben im eigenen Land oder wechselten für Ablösesummen nach Europa, die dem Gesamtbudget ihrer Vereine entsprachen.
Weniger als zwei Jahre später ist die Karnevals- einer Katerstimmung gewichen. Das liegt weniger an Neymar, der dann doch schon 2013 zum FC Barcelona gewechselt ist, als an einer vielschichtigen Krise, die viele Clubs zu bedrohen scheint. Statt ein Segen ist die WM im eigenen Land nämlich plötzlich ein Fluch. Wer in Brasilien an Sponsoring im Fußball denkt, gibt das Geld für Aktionen aus, welche die WM betreffen. Für die Clubs bleibt wenig übrig. Viele Clubpräsidenten der Serie A wissen noch nicht, wie sie bis Jahresende über die Runden kommen wollen.
Ende der vergangenen Saison wurde die Szene durch Gewaltexzesse in den Stadien erschüttert und die Glaubwürdigkeit des Spielbetriebs infrage gestellt, als Portuguesa wegen eines nicht qualifizierten Spielers mit vier Strafpunkten belegt wurde. Das bedeutete für den kleinen Klub aus Sao Paulo den Abstieg. Den Meister von 2012, den großen Verein Fluminense aus Rio de Janeiro, wiederum bewahrte die Akrobatik am Grünen Tisch vor ebendiesem.
Seit Anfang April läuft die neue nationale Meisterschaft wieder, und nun lauern mögliche Störaktionen auch in den eigenen Reihen. Die Spieler-Vereinigung „Bom Senso FC“ („Gesunder Menschenverstand“) plant einen Generalstreik, um gegen die schlechten Bedingungen der rund 20.000 Profis im Land zu protestieren. Die Spieler der Topclubs seien mit bis zu 90 Pflichtspielen im Jahr überbelastet. Wer dagegen bei kleineren Profivereinen in unteren Ligen spiele, erhalte nicht einmal einen Mindestlohn, weil die Wettbewerbsphase bloß zwei bis drei Monate dauere.
Wie viel bei der Erstellung des Kalenders im Argen liegt, zeigt ein Blick auf den Spielplan der Serie A. Anfang April, wenige Wochen vor der WM, wurde die neue Saison eröffnet, um sie nach neun Runden wegen der Endrunde für etwas mehr als einen Monat zu unterbrechen. Als das Nationalteam längst im Vorbereitungscamp weilte, fanden noch Spiele statt, obwohl mit Jefferson (Botafogo), Victor und Jo (beide Atletico Mineiro) sowie Fred (Fluminense) immerhin vier Spieler in Brasiliens WM-Kader bei einheimischen Vereinen unter Vertrag stehen. Zum Vergleich: Die maßgebenden europäischen Ligen hatten ihre Saison spätestens am 18. Mai beendet.
Vorläufig stößt die Kritik beim brasilianischen Verband CBF auf taube Ohren. Auch wenn die Liga nicht mehr boomt, suhlt man sich dank signifikanten Kennzahlen noch immer im Erfolg. Die Liga setze mit ihren Clubs rund 1,1 Milliarden Dollar um und sei damit die sechstgrößte der Welt hinter den „Big Five“ von Europa (England, Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich), schrieb das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ vor wenigen Monaten. Wie die Londoner Markt-Analysten von „Brand Finance“ berechneten, gehörten 2013 fünf brasilianische Clubs zu den Top-50-Sportvereinen mit dem höchsten Marktwert - eine Momentaufnahme.