Leise Poesie von der Straße: Passenger veröffentlicht neues Album
Wien (APA/dpa) - Mike Rosenberg ist der vielleicht unwahrscheinlichste Popstar der letzten Jahre. Jahrelang zog der 30-Jährige unerkannt als...
Wien (APA/dpa) - Mike Rosenberg ist der vielleicht unwahrscheinlichste Popstar der letzten Jahre. Jahrelang zog der 30-Jährige unerkannt als Straßenmusiker um die Welt. Dann schaffte er den Sprung zum umjubelten Star doch noch. Zum ersten Mal muss er jetzt mit dem neuen Album „Whispers“, das am Freitag (6. Juni) erscheint, hohe Erwartungen von Fans und Kritikern bestätigen. Im Oktober kommt er nach Wien.
Rosenbergs Karrieresprung überrascht nicht nur, weil er so spät kam, sondern auch, weil seine Musik so gar nicht in das Raster anderer Chartstürmer passt. Dance-Beats und digitale Effekthascherei gibt es bei dem Briten nicht. Dafür eine heisere Stimme voller aufrichtiger Leidenschaft. Passengers Lieder sind leise, melancholisch - weil er die Frustration des Scheiterns auf der Straße selbst erfahren hat.
Was für eine Genugtuung muss es da für den Sänger sein, auf „Whispers“ auch älteren Songs nachträglich zu größerer Bekanntheit zu verhelfen. In „27“ etwa, verfasst vor drei Jahren, heißt es - frei übersetzt: „600 Songs geschrieben, aber nur zwölf werden gesungen“. Und weiter: „Ich weiß nicht, wohin ich renne, aber ich weiß, wie man rennt. Ich bin ein hungriges Herz, eine geladene Waffe.“ Im ersten Track „Coins in a fountain“ monologisiert Passenger: „Hoffnung ist ein Geist in den tiefsten Erinnerungen, die Angst ist der Feind.“
„Natürlich gibt es auch düstere Momente über Einsamkeit und Tod“, sagt Rosenberg selbst über seine neue Kompilation. „Aber hey, das gehört schließlich zu Passenger.“ In seinen Konzerten entschuldigt er sich bisweilen für diese ungewöhnliche Mischung aus Depression und Begeisterung. Auch „Whispers“ verarbeitet zwiespältige persönliche Erfahrungen, die Passenger seinen Zuhörern aber mit offenen Armen und einer gehörigen Portion Ironie präsentiert.
Eben diese Folk-Lieder, die der Brite zunächst erfolglos mit sich rumgeschleppt hat, sind es, die sein fünftes Solo-Album bemerkenswert machen. Mehr noch als die herzschwere Single „Hearts On Fire“, die als der legitime Nachfolger jenes traurigen Liebeslieds durchgeht, das Passenger 2012 den nicht mehr für möglich gehaltenen Durchbruch verschaffte - „Let Her Go“.
Das Lied wurde zum Nummer-eins-Hit in Deutschland und in 20 weiteren Ländern und markierte den Startpunkt einer Passenger-Euphorie, deren Ende noch nicht in Sicht ist: Allein im letzten halben Jahr verdoppelte sich die Zahl seiner Anhänger auf Facebook abermals auf jetzt 2,1 Millionen. Wer dachte, es gehe nur noch mit tanztauglicher Partymusik an die Chartspitze, den hat der aus der Zeit gefallene Mike Rosenberg, ein notorischer Bart- und Hemdträger, eines Besseren belehrt.
Längst ist die nächste Welttournee angekündigt worden, am 18. Oktober tritt er im Wiener Gasometer auf. Trotzdem geht Passenger weiter regelmäßig auf die Straße und gibt Gratis-Konzerte, so wie gerade erst wieder in Berlin und Hamburg. „Straßenmusik zu machen, ist immer noch das, was ich am liebsten tue“, sagt Passenger und schwärmt von der „intimen Atmosphäre“. Ein Mann, eine Gitarre und Texte über Liebe und Tod: Der traurige Romantiker ist eben doch mehr Poet denn Popstar.