Watch Dogs

Die Grauzone zwischen Hacker und Verbrecher: Das bessere GTA?

„Watch Dogs“ lässt den Spieler als Super-Hacker Aiden Pearce die Kontrolle über die Stadt Chicago übernehmen, in der die totale Überwachung herrscht.

Von Lukas Schwitzer

Innsbruck - „Jetzt!“ sagt Morpheus im Film „Matrix“ zu Neo, als dieser sich durch ein Büro schleichen muss. Die Botschaft kommt übers Handy, die einweisende Stimme sieht mehr als der schleichende Held. Ähnliche Szenen bekommt der Spieler auch in Ubisofts heiß ersehntem Blockbuster „Watch Dogs“ präsentiert – nur aus der Perspektive des (fast) allwissenden Beobachters. Denn in Chicago bleibt Protagonist Aiden Pearce nichts verborgen. Mit seinem mächtigen Smartphone kontrolliert er die Welt um sich herum, hackt sich von Kamera zu Kamera und lenkt seine Gegner mit verstörenden Handy-Nachrichten ab. Möglich macht dies ctOS, ein System, das praktisch alle Elektronik der Stadt miteinander vernetzt. Und den Schlüssel zu diesem System hält Aiden ständig in der Hand.

Aiden motiviert nur die Rache

Woher er diesen hat, bleibt unklar, ist aber für das Spiel auch nicht weiter wichtig. Als Fixer – halb Hacker, halb Söldner – hat er sich in jedem Fall einen Ruf erarbeitet. Medien und Bevölkerung nennen ihn den „Vigilante“, einen Mann, der das Verbrechen in Selbstjustiz bekämpft. In Wahrheit geht es Aiden Pearce jedoch um etwas viel simpleres: Rache. Denn im Rahmen eines Auftrags trat er der falschen Person auf die virtuellen Füße – und büßte dies mit dem Tod seiner Nichte. Grund genug für Aiden, die Drahtzieher des tödlichen Anschlags in einer Hetzjagd zur Strecke zu bringen.

Doch erwartungsgemäß gestaltet sich die Suche nach den Hintermännern schwierig. Aiden werden etliche Stolpersteine in den Weg gelegt und der sture Einzelgänger muss sich auch noch Hilfe suchen, die moralisch noch fragwürdiger ist als er selbst. Denn obwohl als Verbrechensbekämpfer bekannt, handelt es sich beim „Vigilante“ beileibe nicht um einen pazifistischen Gutmenschen. Aiden weiß mit Waffen umzugehen und zögert auch nicht, diese einzusetzen. Autos sind in bester „Grand Theft Auto“-Manier ohnehin nicht vor ihm sicher. Ein „Ruf“-System stellt allerdings dar, wie beliebt er sich durch seine Aktionen in der Bevölkerung macht. Mit gutem Ruf ist auch die Gefahr geringer, dass Passanten die Polizei rufen. Um tatsächlich einen schlechten Ruf zu bekommen, wäre es aber notwendig, mehrmals amoklaufend durch eine Fußgängerzone zu hasten. Es bräuchte also viel Aufwand für einen nicht erstrebenswerten Effekt.

Nur ein GTA mit Hackern?

„Watch Dogs“ lehnt sich in vielem an den großen Rivalen „GTA“ an. Autos wollen geklaut, kilometerlange Straßen befahren und böse Buben mit allerlei Waffenauswahl über den Jordan geschickt werden. Das Hacken als zentrales Element der Spielmechanik macht das jüngste Werk aus Ubisofts produktivem Montreal-Studio aber zu mehr als einem Klon von Rockstars erfolgreicher Serie. Lautet der Auftrag, in ein schwer bewachtes Fabriksgelände einzudringen, ist es für Aiden erst einmal nicht nötig, den Bereich tatsächlich selbst mit gezogener Waffe zu betreten. Denn findet sich eine Überwachungskamera innerhalb der Reichweite seines Telefons – im total überwachten Chicago fast schon sicher -, kann zunächst über diese ausgekundschaftet werden. Mit Können und etwas Glück ist es teilweise sogar möglich, das Ziel der Mission , etwa das Hacken eines Computers, zu erreichen, ohne auch nur einen Fuß innerhalb der Umzäunung zu setzen.

Aber auch abseits der Missionen ist Aidens Smartphone überaus nützlich. Mit Hilfe der „Profiler“-Funktion kann der Hacker allerlei Informationen über Passanten herausfinden und damit etwa einen Zugang zum Bankkonto der Person beschaffen. Geld ist dadurch im Spiel nie ein Problem. Auch kurze Telefonate oder SMS-Gespräche können so angezapft werden und immer wieder Mini-Missionen auslösen. Auch im Kampf kommt das Gerät mit der absolut unrealistisch langen Akku-Laufzeit zum Einsatz. Gegner können abgelenkt werden, indem Aiden ihnen SMS schickt oder einen Auto-Alarm auslöst. Schaltkästen und Gasleitungen können zur Explosion gebracht, Sprengstoff aus der Entfernung gezündet werden. Besonders auf den Straßen Chicagos greift man aber immer wieder auf sein smartes Gadget zurück. Rasende Bösewichter auf plötzlich aufschießende Poller auflaufen zu lassen oder einfach hinter sich eine Brücke zu öffnen, kann eine stressige Verfolgungsjagd schnell und spektakulär beenden. Nach einigen Spielstunden, in denen durch die Vergabe der reichlich vorhandenen Fertigkeitspunkte der Hacker-Einfluss auf neue Objekte erweitert wird, werden diese zu Beginn teilweise noch sehr fordernden Abschnitte allerdings fast schon zu einfach.

Ansprechende Multiplayer-Elemente

Der Schwierigkeitsgrad von „Watch Dogs“ dürfte für erfahrene Spieler generell etwas zu niedrig angesetzt sein. Die Gegner sind nicht unbedingt mit viel Gehirnschmalz gesegnet und lassen sich nur allzu leicht austricksen. Läuft man ihnen aber einmal in die Schusslinie, ist schnell Schluss. Denn schon zwei bis drei Schüsse machen Aiden den Garaus. Auch vor dem Einsatz von Granaten scheuen die bösen Buben kaum einmal zurück. Gefahren gibt es also trotzdem zuhauf.

In verschiedenen Multiplayer-Modi können sich die von Spielern gesteuerten Fixer auch gegenseitig das Leben schwierig machen. Sich aus der Entfernung am Smartphone des Gegenübers zu schaffen zu machen und versteckt zu bleiben, bis ein sensibler Download abgeschlossen ist, treibt den Puls in die Höhe. Vor allem, wenn der zweite Spieler verzweifelt jeden Winkel nach dem Gegner absucht. Aber auch Rennen und andere Modi können mit Spielern rund um den Globus gezockt werden. Der Schwierigkeitsgrad stellt hier kein Problem mehr dar, schließlich hat man es hier mit echten Menschen zu tun. Und die schaffen es, auch den routiniertesten Fixer auf Trab zu halten.

Relevante Themen, ungeschickt verpackt

Technisch ist vor allem auffällig, dass die Spitzengrafik des ersten Trailers, der 2012 der Gaming-Community das kollektive Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, abgeschwächt wurde. Hübsch ist „Watch Dogs“ trotzdem noch, am hübschesten aber auf der Playstation 4. Dieser wurde eine Version des Spiels mit etwas höherer Auflösung spendiert als der Xbox-Konkurrenz. Besonders in den Straßenschluchten fällt dies aber kaum auf. Texturen sind scharf, Lichteffekte schön anzusehen und Explosionen und Feuer bieten ohnehin das grafische Highlight des Spiels. Vegetation hingegen sieht oftmals etwas altbacken aus, hier wäre ganz klar mehr drin gewesen. Beim Sound ist zu bemängeln, dass einige Motorengeräusche eher klingen wie ein Staubsauger und besonders in längeren Gefechten gerne einmal dieselbe Melodie in Endlosschleife läuft.

Das größte Problem von „Watch Dogs“ hat allerdings nicht mit seinem Gameplay oder irgendwelchen anderen technischen Begebenheiten zu tun. Seine größte Schwäche ist die Story, die im Vorfeld wohl mit am sehnlichsten erwartet wurde. Das Spiel spricht aktuelle, kontroversielle Themen an: Überwachung, Privatsphäre und die Gefahren der immer dichteren elektronischen Vernetzung. Regelmäßig kann sich Aiden in private Netzwerke und Videoaufnahmen einhacken und so Einblicke in das Privatleben wildfremder Menschen gewinnen. „Watch Dogs“ stellt all diese problematischen Möglichkeiten zur Verfügung, ohne aber tatsächlich etwas dazu zu sagen zu haben. Auch Aiden bezieht keinerlei Stellung dazu, er bleibt abseits seiner Rachefantasien völlig farb- und positionslos. Eine Hackergruppe namens DedSec spricht sich als einziges gegen die Überwachung aus, aber auch dies kommt nur gelegentlich zur Sprache. Etwas mehr Richtung hätte dem Spiel sehr gut getan.

Fazit

„Watch Dogs“ bietet Gameplay auf höchstem Niveau in einer Stadt, die fast endlose Abwechslung in sich birgt. Die Möglichkeiten, die das Hacken mit sich bringt, motivieren dazu, den optimalen Weg zum Abschluss einer Mission zu finden. Das ständige Hacken wird auch nicht l ästig, sondern durch geschickte Inszenierung immer wieder interessant gemacht. Hätte das Spiel sich auch etwas mehr mit seinem eigenen Hintergrund beschäftigt, einen etwas spannenderen Protagonisten kreiert und vor allem seine Story gesellschaftsrelevanter gestaltet, ein Platz unter den besten Spielen des Jahres wäre ihm wohl sicher gewesen. So hat man es mit einem exzellent gemachten Open-World-Spiel mit interessanten Gameplay-Features zu tun. Aber leider wäre so viel mehr möglich gewesen.

Unsere Bewertung: 8/10

Entwickler: Ubisoft Montreal

Publisher: Ubisoft

„Watch Dogs“ ist für Windows, Wii U, Xbox 360 und One sowie Playstation 3 und 4 erhältlich.

Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt von Ubisoft.