Bühne

Ein Pfingstwunder mit Aschenputtel

Szenisch und musikalisch ein Feuerwerk: Cecilia Bartoli als Rossinis „Cenerentola“ in Salzburg.

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg –Mit einigem Schrecken erinnern wir uns an Damiano Michielettos fürchterliche „Bohème“-Inszenierung bei den Salzburger Sommerfestspielen 2012, als Anna Netrebko sich im Punk-Girl-Look durch eine winterliche Hölle – inklusive Skilift – kämpften musste. Von diesem noch recht jungen Italiener wollten wir eigentlich so schnell nichts mehr sehen. Doch nach seiner vom Publikum zu Recht stürmisch gefeierten „Cenerentola“-Premiere ist man gespannt, was er wohl demnächst inszenieren wird.

Gioachino Rossinis meisterhafte Opernkomödie ist ein echter Regiebrocken, weil die bekannte und beliebte Aschenputtel-Geschichte gar nicht so leicht zu interpretieren ist, sofern man nicht bloß­e Aschenblödeleien in alten Klamotten bieten will. Damiano Michieletto lässt das vernachlässigte Mauerblümchen als Bedienung und Putzfrau in einem heruntergekommenen Beisl arbeiten, ihre beiden Stiefschwestern sind primitiv gestylte Dummchen, der Stiefvater ein Ausbund an Garstigkeit. In diese Tristesse schneit eine Märchenfigur, Alidoro, herein, der zum Spielführer wird und zu einem interessanten Experiment einlädt. Prinz Ramiro sucht eine Frau und schaut sich offenbar auch in zwielichtigen Lokalen um, wobei er mit seinem Erzieher bzw. Diener auftritt und die beiden einen Identitätstausch vornehmen, vor allem um zu testen, wie man mit „minderen“ Menschen umgeht.

Nicola Alaimo gibt den korpulenten Pseudo-Herren Dandini mit wunderbarem Timbre, Javier Camarenas Ramiro ist, abgesehen von wenigen Ungenauigkeiten beim Parlando, eine kraftvolle vokale Erscheinung mit wirklich hinreißenden Spitzentönen. Ugo Guagliardo mimt und singt den immer wieder in unterschiedlichen Rollen auftauchenden Jenseitsboten Alidoro perfekt, mal ist er ein für die Figuren unsichtbar bleibender Luftgeist, der mit Federn wirft, mal ein realer Postbote für Aschenputtel. Außerdem baut er mit Geisterhand die Bühne um, auf sein Geheiß verwandelt sich etwa die gammlige Kneipe in eine superschicke Designbar namens „Palace“.

Plausibel verwebt die Regie konkrete, penibel naturalistisch gezeichnete Gegenwart mit Traumsequenzen, fast immer gibt es großes, immens präzise gearbeitetes Theater. Gelegentlich gehen die Einfälle mit Michieletto ein wenig durch und man weiß kaum noch wohin mit seinen Augen.

Aber insgesamt ist es eine Wonne, dem grausamen Spiel der fürchterlich stillosen Prollschwestern (Lynette Tapia als Clorinda und Hilar­y Summers als Tisbe) zuzuschauen – ein­e schlimme Mischung aus Schlampen und Schlangen. Auch dem arroganten Patron Don Magnifico (Enzo Capuano) möchte man lieber nicht persönlich begegnen. Natürlich gibt es ein frohes und glückliches Final­e, das Dienstmädel bekommt den Prinzen, allen wird verziehen, doch als Strafe schweben Putzeimer vom Bühnenhimmel herab und die Missetäter müssen erstmal ausführlich den Saal säubern.

Dies allein sind schon viele Zutaten für einen sehr guten Opernabend zur Eröffnung der Salzburger Pfingstfestspiele. Doch dazu gesellt sich noch die spritzige musikalische Interpretation durch Jean-Christophe Spinosi am Pult des Ensemble Matheus, da gluckst und tanzt und swingt es nur so. Manch Rezitativ wird vom Klavier begleitet und das klingt dann wirklich wie in einer – allerdings sehr gepflegten – Bar. Doch was ist mit der Titelpartie, wie gelingt La Bartoli ihre Rolle? Sie hat die Cenerentol­a bereits häufig, in deutlich jüngeren Jahren gesungen. Ein Problem? Beileib­e nicht. Denn das Bühnentier Bartoli agiert mit solcher Wucht und solchem Charme, dass wir ausnahmsweise mal die Festspielpräsidentin Rabl-Stadler zitieren wollen: Diese Frau ist kein Genie, sie ist ein Wunde­r! Wunderbar war übrigens auch der Wiener Staatsopernchor (Einstudierung Ernst Raffelsberger), bis auf einen Totalausfall am Ende, nein, nach dem Ende. Bartoli hatte nämlich Geburtstag und das Glückwunschständchen geriet wirklich arg daneben ...