Architektur

Lernen aus dem Gestern für morgen

„Fundamentals“ von Türklinken, Fenstern bis zu Balkonen bestimmen die Schau von Rem Koolhaas im zentralen Pavillon der Giardini.Foto: La Biennale
© la biennale

Die 14. Architekturbiennale von Venedig, die heute eröffnet wird, ist eine über die Architektur und nicht über ihre Macher.

Von Edith Schlocker

Venedig –Die Aufforderung des niederländischen Pritzker-Preisträgers, Rem Koolhaas, die heurige Architekturbiennale zu keiner Leistungsschau der Stararchitekten, sondern zu einer über das Nachdenken über die Architektur der letzten 100 Jahre zu machen, haben viele Länderkuratoren sehr ernst genommen, vielleicht zu ernst. Indem sie fleißig in Archiven gestöbert haben, um zu Exkursen in nationale Architekturgeschichten einzuladen, in die sich einzulassen unendlich viel Zeit brauchen würde. Die der übliche Biennale-Besucher kaum hat. Zu viel gibt es in den Giardini bzw. im Arsenale zu sehen, bei jeder der alle zwei Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaft in Sachen Architektur noch mehr. 65 Länder sind heuer mit dabei, mit u. a. Indonesien, Aserbaidschan und Kenia elf erstmals.

„Absorbing Modernity 1914–2014“ ist das diesjährige Generalthema, das laut Biennale-Direktor Rem Koolhaas dazu anreizen soll, „den aktuellen Stand der Architektur zu ermitteln und uns ihre Zukunft vorzustellen“. Wie sich deren „Fundamentals“ in den vergangenen 100 Jahren verändert haben und was das für die Architektur wie die Gesellschaft bedeutet, wird etwa im zentralen Pavillon der Giardini zelebriert. Da ist etwa eine ganze Wand mit Türschnallen aus 100 Jahren bestückt, wird die Metamorphose von Fenstern, Türen oder Schornsteinen quer durch sämtliche Kulturen durchdekliniert. Verlebendigt durch auf großen Leinwänden flimmernde Filme, in dem für sanitäre Anlagen reservierten Raum etwa durch Peter Greenaways köstliche „26 Bathrooms“.

Die 14. Architekturbiennale von Venedig ist aber auch so politisch wie keine ihrer Vorgänger. Um aufzuzeigen, wie raffiniert Gebautes in den Dienst von Ideologien gestellt wird, nicht zuletzt auch bei durchaus gut gemeinten Entwicklungshilfeprojekten in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wie die Skandinavier erfreulich selbstkritisch in ihrem Pavillon vorführen.

Italien hat diesmal im Arsenale seinen ganz großen Auftritt. Der seinem großspurigen Titel „Monditalia“ durchaus gerecht wird. Betreten wird dieser Kosmos durch ein klassisch venezianisches, durch unzählige LEDs erleuchtetes Tor, hinter dem multimedial die oft problematische Wechselwirkung zwischen Politik, Gesellschaft und Architektur in den vergangenen 100 Jahren ausgebreitet wird. Dazwischen kommt der Mensch zu seinem Recht in der Form von Tänzern, die allein oder in Gruppen den Raum erobern.

Aber auch die Giardini mit ihren Länderpavillons betritt man durch ein großes Tor – die Rekonstruktion eines uralten chinesischen, das vor etwa 20 Jahren zerstört worden ist. Bei den nationalen Auftritten erweisen sich allerdings jene am besten, die nicht brav den Vorgaben von Koolhaas folgen. Wie etwa der deutsche, der sich als höchst intelligenter Verschnitt aus dem 1964 gebauten Bonner Kanzlerbungalow mit dem deutschen Biennale-Pavillon und seiner faschistisch angehauchten Architektur gibt. Vor dem, seiner Bedeutung als „Bungalow Germania“ gemäß, ein dicker Mercedes parkt. Um letztlich die Frage aufzuwerfen, welche Rolle Deutschland in einem Europa spielt, das die Idee nationaler Souveränität mehr und mehr aufgibt und darauf nicht ohne Angst reagiert.

Die Portugiesen beschränken sich auf die Herausgabe einer Zeitung mit dem vielsagenden Titel „News from Portugal homeland“, die Amerikaner haben die Wände ihres Pavillons mit den Covers von Architekturzeitschriften tapeziert, die zwischen 1853 und 2014 erschienen sind. Viel in aller Welt gebautem Bekannten und noch mehr Unbekannten begegnet man hier, Österreich scheint in dieser Leistungsschau allerdings keine Rolle zu spielen. Israel lässt computergesteuert seine Grenzen von 1949, 1951 und heute in Sand zeichnen, bevor sie wieder gelöscht werden.

Angesichts so viel existenziellem Pathos gibt es ein Aufatmen im dänischen Pavillon. Wo es nach Harz duftet, man über Piniennadeln laufen, Holz bzw. Ziegel leibhaftig spüren kann. Bis 23. November.