Reaktionen auf EZB-Zinsbeschluss - Spotanalysen deutscher Ökonomen

Berlin/Frankfurt (APA/Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit einem ganzen Maßnahmenbündel die Vergabe von Krediten in der Eur...

Berlin/Frankfurt (APA/Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit einem ganzen Maßnahmenbündel die Vergabe von Krediten in der Eurozone ankurbeln und damit der Gefahr einer Deflation entgegenwirken. Dazu senkte die EZB am Donnerstag auch den Leitzins von 0,25 auf das historische Tief von 0,15 Prozent. Es folgen Reaktionen deutscher Ökonomen bzw. Finanzanalysten:

Rainer Sartorius, HSBC Trinkaus:

„Die EZB hat heute ein ziemlich deutliches Statement abgegeben. Sie tut alles, um gegen die niedrige Inflation anzugehen. Und der Markt ist vom Ausmaß der geldpolitischen Lockerung durch die Notenbanker leicht überrascht - daher geht es für den Euro auch bergab.“

Obert Halver, Stratege Baader Bank:

„Herr Draghi hat geliefert und hat klargemacht, dass das Ende der Fahnenstange nicht erreicht ist. Aus Sicht der Aktienmärkte ist das zu begrüßen, aber für Stabilitätsanhänger ist das nichts. Wir müssen künftig immer mehr sündigen, damit die Stabilität in der Eurozone erhalten werden kann. Reformen werden dadurch verhindert. Längerfristig müssen wir einen hohen Preis dafür zahlen.“

Wolfgang Duwe, Aktienstratege Bremer Landesbank:

„Draghi hat geliefert. Er hat das ganze Maßnahmen-Potpourri angekündigt oder zumindest angedeutet. Die Bedenken, die sich vor dem EZB-Entscheid in der geringen Markt-Volatilität widergespiegelt hatten, sind nun weg. Ich erwarte keine größere Kurskorrektur des Dax. Es wird voraussichtlich weiter nach oben gehen.“

Hans-Werner Sinn, IFO-Präsident:

„Das ist der verzweifelte Versuch, mit noch billigerem Geld und Strafzinsen auf Einlagen die Kapitalströme nach Südeuropa umzuleiten und so dort die Wirtschaft anzukurbeln. Das kann deshalb nicht funktionieren, weil dort vorher die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden müsste durch Reformen des Arbeitsmarktes. Die Zeche zahlen jetzt alle jene, die Geld langfristig anlegen, also die Sparer und die Besitzer von Lebensversicherungen.“

Georg Fahrenschon, Sparkassen-Präsident:

„Die Zentralbank erzeugt zunehmend gefährliche Nebenwirkungen. Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört. Mit ihren Maßnahmen macht die EZB die Finanzmärkte auch nicht stabiler. Im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig belasten die dauerhaft niedrigen Zinsen zunehmend das Geschäft der realwirtschaftlich orientierten und stabilen Kreditinstitute. Die daraus entstehenden Gefahren muss die Zentralbank stärker berücksichtigen.“

Carsten Brzeski, Volkswirt ING Bank:

„Die EZB hat völliges Neuland betreten, in ihrer Mission, die Wirtschaft in der Eurozone zu unterstützen. Wird das die Wirtschaft anschieben? Wahrscheinlich nicht, aber es zeigt zumindest die Entschlossenheit der EZB und ihre Handlungsmöglichkeiten.“

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer:

„Die Zinssenkung ist nachvollziehbar, aber mit großen Risiken verbunden(...) Ebenso klug müssen die Regierungen in der Eurozone jetzt agieren und den geldpolitischen Spielraum für weitere Anstrengungen bei den Strukturreformen nutzen. Denn die Niedrigzinsphase darf nicht ewig anhalten. Sie erhöht sonst das Risiko neuer Blasen an den Finanzmärkten.

Der negative Strafzins löst große Bedenken aus. Er wird eher nicht dazu führen, dass Banken mehr Kredite an die Unternehmen vergeben - auch in den Krisenstaaten. Er bringt jedoch zusätzliche Kosten, die im Zweifelsfall auf die Unternehmensfinanzierung durchschlagen.

Mit der nächsten ‚dicken Bertha‘ und dem Ankaufprogramm erhöht die EZB die Dosis einer Medizin, die bisher noch nicht wie gewünscht gewirkt hat - aber gefährliche Nebenwirkungen hat.“

Alexander Erdland, Präsident des Versicherungsverbands GDV:

„Der Schritt der EZB markiert eine neue Eskalationsstufe. Damit wird das Niedrigzinsniveau weiter verfestigt, zulasten der Vorsorgesparer in Deutschland. Ihre Sparanstrengungen werden durch die EZB untergraben. Deshalb sind wir in Sorge. Ökonomisch ist die Maßnahme genau das falsche Rezept. Denn die niedrigen Zinsen lösen kaum noch Wachstumsimpulse aus. Viel wichtiger wäre die Fortsetzung der Strukturreformen zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik des billigen Geldes wird zum Irrweg.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank:

„Auch wenn sich die konkreten Auswirkungen für private Sparer stark in Grenzen halten werden, ist die Strategie der EZB aus mehreren Gründen kritisch zu sehen. Zum einen nimmt die Niedrigzinspolitik immer extremere Formen an, obwohl schon die bisherigen Maßnahmen keinen wirklich durchgreifenden Erfolg zeigten. Eines ihrer wichtigsten Ziele, nämlich die Banken zu einer großzügigeren Kreditvergabe an die Wirtschaft zu bewegen, hat die EZB bisher nicht erreicht. Zum anderen erreichen die europäischen Aktienmärkte - insbesondere der DAX - befeuert durch die niedrigen Zinsen Woche für Woche neue Höchststände. Diese Entwicklung ist jedoch nicht durch die konjunkturelle Entwicklung in Europa unterlegt. Insbesondere für europäische Aktien sehe ich daher die Gefahr für eine Blasenbildung.

Last but not least existiert derzeit auch keine wirkliche Deflationsgefahr, die extreme Maßnahmen rechtfertigen würde. Die heutige Entscheidung der EZB geht daher zu weit.“

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW):

„Die Entscheidung der EZB enthält überraschend viele neue Maßnahmen. Für sich betrachtet sind die Zinssenkung und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern, noch das Deflationsrisiko deutlich mindern. Zusammen mit den anderen angekündigten Maßnahmen interpretiere ich sie aber als Startsignal einer neuen EZB-Strategie.

Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die Andeutung eines ABS-Ankaufprogramms unterstreicht dies deutlich. Die angekündigte konditionale Kreditvergabe ist mutig und stellt die EZB vor eine enorme logistische und politische Herausforderung. Die Erfahrungen anderer Zentralbanken mit ähnlichen Programmen sind eher gemischt.

Die EZB-Maßnahmen bergen auch große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte. Sie ist zum Handeln gezwungen, da sie ihr primäres Mandat der Preisstabilität zur Zeit deutlich verfehlt. Eine expansivere Geldpolitik ist in einer solchen Situation die bessere von zwei riskanten Strategien.

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands:

„Ein negativer Zins auf die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wird kaum zur gewünschten Belebung der Kreditvergabe und des Interbankenmarktes führen. An Liquidität zur Kreditvergabe mangelt es im Eurosystem nicht. Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern.

Die Banken werden daher vermutlich entweder ihre Überschussliquidität weiter abbauen oder lieber Verluste durch den negativen Einlagenzins in Kauf nehmen, als zu hohe Risiken an anderer Stelle einzugehen - etwa durch zusätzliche Interbankenkredite.“

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank:

„Die EZB hat ihren Hauptrefinanzierungssatz nur um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent gesenkt und nicht wie von den meisten Beobachtern erwartet um 15 Basispunkte. Wenn die EZB ihre Politik in den kommenden Monaten noch einmal lockern wollte, könnte sie ihre Leitzinsen also noch einmal senken und müsste nicht direkt zum Hammer der Staatsanleihenkäufe greifen.

Der negative Einlagenzins führt nicht dazu, dass die Banken in den Krisenländern mehr Kredite an die Unternehmen ausreichen. Denn die Banken leiden nicht unter vermeintlich zu hohen Notenbankzinsen, sondern unter dem hohen Bestand fauler Kredite, an dem Negativzinsen nichts ändern. Die wahren Nutznießer des negativen Leitzinses sind die Finanzminister der hoch verschuldeten Krisenländer.“

Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkswirt:

„Die Zinssenkung von heute gibt wenig neue Impulse für richtiges Wachstum. Die EZB muss daher vielleicht sogar noch mehr tun.

~ WEB http://www.ecb.int ~ APA508 2014-06-05/16:47