Brasiliens Kultur und Geschichte - Von A bis Z

Wien (APA) - Auch wenn die Augen der Weltöffentlichkeit in den kommenden Wochen eher auf die sportliche Seite Brasiliens blicken werden, hat...

Wien (APA) - Auch wenn die Augen der Weltöffentlichkeit in den kommenden Wochen eher auf die sportliche Seite Brasiliens blicken werden, hat das südamerikanische Land, das immerhin gut doppelt so groß wie die EU ist, doch mehr zu bieten als die Fußball-WM. Ein Blick auf kulturelle und historische Aspekte des samba-verrückten Staates - von A bis Z:

A: Jorge ADO (1912-2001) ist einer der international bekanntesten Schriftsteller Brasiliens. Aufgrund seiner kommunistischen Weltanschauung verbrachte er viele Jahre im Exil. Bücher wie „Dona Flor und ihre zwei Ehemänner“ wurden auch verfilmt. Mit seinem umfangreichen Werk, das unter einfachen Leuten oder der Unterwelt seiner Heimat Bahia spielt, hat er das Bild Brasiliens in Europa über viele Jahre mitgeprägt - mit Karneval, Palmen und leidenschaftlichen Latinas.

B: Die BIENNALE von Sao Paulo wurde 1951 gegründet und ist damit nach Venedig die zweitälteste Kunstbiennale der Welt. Veranstaltet im Parque do Ibirapuera, ist sie für die brasilianische Kunstszene das wichtigste Forum des Austausches mit der internationalen Kunstwelt.

C: Paulo COELHO („Der Alchimist“) ist der mit Abstand bestverkaufte brasilianische Autor der Gegenwart. Seine weltweite Gesamtauflage wird auf über 75 Millionen Stück geschätzt. Mit seinen esoterisch anmutenden Büchern ist der 66-Jährige jedoch in der Literaturwelt umstritten. Für Aufregung sorgte auch der Umstand, dass Coelho nicht am brasilianischen Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013 teilnahm. Coelho hatte sein Fernbleiben damit erklärt, dass er viele der von seinem Land eingeladenen 70 Autoren nicht kenne.

D: DREIZEHNLINDEN (Treze Tilias) wurde im Oktober 1933 von Tiroler und Vorarlberger Auswanderern gegründet und ist heute ein Fremdenverkehrsort - inklusive dem Nebenweiler Dollfuß und der zweitgrößten Molkerei des Landes mit Namen „Tirol“.

E: Der „ESTADO de S. Paulo“ ist die älteste Tageszeitung Brasiliens. Sie wurde 1875 unter dem Namen „A Provincia de Sao Paulo“ gegründet und erhielt ihren heutigen Namen 1890 anlässlich der Transformation Sao Paulos von einer Provinz in einen Bundesstaat. Der „Estado“ ist zurzeit die fünftgrößte Zeitung Brasiliens und die zweitgrößte Zeitung in Sao Paulo. Die verkaufte Auflage liegt bei rund 236.000 Stück.

F: Iole de FREITAS gehört heute zu den bedeutendsten bildenden Künstlerinnen Brasiliens. Nach einer Ballettausbildung und einem Designstudium errang sie mit ihren Fotografien und Experimentalfilmen erste Erfolge. Seit den 80ern hat sich de Freitas, die heute in Rio de Janeiro lebt, hingegen verstärkt auf Skulpturen und temporäre Installationen verlegt.

G: Gilberto GIL war 2003 bis 2008 in der Regierung von Lula da Silva Kulturminister Brasiliens. Als Musiker war er einer der Protagonisten des Tropicalismo, der traditionelle brasilianische Musik wie den Bossa Nova mit zeitgenössischem Rock und Pop zu verbinden versuchte.

H: HANSEN-BAHIA stammt eigentlich aus Hamburg und hieß Karl-Heinz Hansen. Er wanderte 1949 nach Brasilien aus und erlangte dort mit seinen Holzschnitten bald großen Erfolg. Nach einigen Jahren in Deutschland und Äthiopien kehrte er 1966 endgültig nach Brasilien zurück, wo er einen Lehrstuhl für Grafik übernahm. Sein Künstlername geht auf Jorge Amado zurück, der Hansen als Ehrung um „Bahia“ ergänzte.

I: INDIANISCHE Kulturen stellen die ältesten nachweisbaren menschlichen Zeugnisse Brasiliens. Die ältesten Funde bis dato stammen aus 11.700 und wurden im Bundesstaat Piaui entdeckt.

J: Antonio Carlos JOBIM (1927-1994) war ein brasilianischer Sänger, Pianist, Gitarrist und Komponist. Heute trägt der Flughafen von Rio de Janeiro seinen Namen.

K: Der KARNEVAL ist die kulturelle Hauptattraktion Brasiliens. Die Saison beginnt am Sonntag 40 Tage vor Ostern, also meist im Februar und endet am darauffolgenden Dienstag.

L: Kaiserin LEOPOLDINA (1797-1826): Mit der Flucht des portugiesischen Königshauses vor den Truppen Napoleons nach Brasilien wurden 1808 die Häfen der damaligen Kolonie Brasilien auch für Nicht-Portugiesen geöffnet. Fortan rührte die österreichische Erzherzogin Leopoldine, ab 1817 Ehefrau des ersten brasilianischen Kaisers Pedro, in den deutschsprachigen Landen die Werbetrommel für Brasilien, um die Landwirtschaft zu forcieren und die Grenze zur Banda Oriental (heute Uruguay) durch Besiedelung besser zu sichern. So kamen 1825 Tiroler ins Land, die auch als erste jenen Landstrich bewohnten, wo später die Stadt Petropolis als Sommerresidenz der portugiesischen Könige errichtet wurde. Die Grazer Autorin Gloria Kaiser verarbeitete das Leben der Habsburgerin in dem historischen Roman „Dona Leopoldina“ (Styria Verlag).

M: MANAUS im Amazonasgebiet hat mit dem Teatro Amazonas ein 1896 eingeweihtes Opernhaus, das nach knapp einem Jahrzehnt und dem Ende des Kautschuk-Booms wieder geschlossen wurde und im feuchten Regenwald-Klima rasch zerfiel. Erst 1990 wurde das Gebäude wiedereröffnet. Werner Herzog nahm sich die Geschichte als Vorbild für „Fitzcarraldo“, Christoph Schlingensief inszenierte hier 2007 den „Fliegenden Holländer“.

N: Oscar NIEMEYER (1907-2012) ist der bekannteste brasilianische Architekt und war einer der Weltstars seines Metiers. Sein Hauptwerk sind die futuristischen Gebäude in Brasilia, der von ihm am Reißbrett mitgeplanten aus dem Boden gestampften Hauptstadt des Landes. Er baute aber überdies in der ganzen Welt und war 1947 prägend am Entwurf des UN-Gebäudes in New York am East River beteiligt.

O: Das Orquestra Sinfonica do Estado de Sao Paulo (OSESP) ist der bedeutendste Klangkörper Brasiliens und gastierte bereits mehrfach in Österreich. Chefdirigentin ist derzeit die US-Amerikanerin Marin Alsop. Seit wenigen Jahren ist das Orchester in einem adaptierten ehemaligen Bahnhof von Sao Paulo untergebracht, in dem sich auch ein 1.500-Plätze-Konzertsaal befindet.

P: Die etwas nördlich von Rio de Janeiro gelegene Stadt PETROPOLIS wurde im 19. Jahrhundert von Tiroler Einwandern gegründet und war der letzte Wohnort von Stefan Zweig im Exil. Die Casa Zweig, in der er sich 1942 das Leben nahm, ist heute ein Museum.

Q: QUEEN stellte beim „Rock in Rio“-Festival 1985 einen Rekord auf. Über zwei Nächte spielte man vor insgesamt 350.000 zahlenden Menschen - eine bis dahin unerreichte Zahl.

R: Joao Ubaldo RIBEIRO ist einer der bekanntesten Schriftsteller Brasiliens. Der in Bahia geborene 73-Jährige, der auch in den USA, in Lissabon und Berlin gelebt hat, arbeitete als Journalist und Politikwissenschafter, ehe er als Schriftsteller Erfolg hatte. Sein 1984 erschienener Roman „Brasilien, Brasilien“, der in einem weiten Panorama in die Geschichte des Landes führt, ist ein Klassiker der jüngeren brasilianischen Literatur.

S: Der im 19. Jahrhundert aus afrikanischen Wurzeln entstandene SAMBA ist heute die Musik, die den Karneval dominiert. So sind die fantasievollen Umzüge der Sambaschulen die wohl populärsten Kulturbotschafter des Landes.

T: Das THEATRO Municipal von Rio de Janeiro ist die Theater- und Operninstitution der Stadt und liegt Mitten im Zentrum der Metropole. Der 1909 fertiggestellte Bau orientiert sich architektonisch an der Pariser Oper und fasst bis zu 2.361 Zuschauer.

U: ULISSES Alves zählt zu den bekannten Schauspielern seiner Heimat, der auch als Regisseur Erfolge feierte. Als Schauspieler stand er etwa für „Cercado Pelo Odio“ (1981) oder 1975 „A Sombra da Violencia“ vor der Kamera. Als Regisseur und Drehbuchautor lockte er hingegen mit „Sexo em Furia“ 1984 die Menschen ins Kino.

V: Heitor VILLA-LOBOS (1887-1959) ist der bekannteste brasilianische klassische Komponist und findet sich auch heute noch im Repertoire vieler Orchester auf der ganzen Welt. Er hat über 1.000 Werke hinterlassen, darunter zwölf Sinfonien.

W: „WUNDERBARE STADT“ („Cidade maravilhosa“) ist die inoffizielle Hymne der Stadt Rio de Janeiro, ein ursprünglich von Andre Filho und Silva Sobreira für den Karneval geschriebener Marsch, der überaus populär wurde. Der Name Rio kommt übrigens im Lied nicht vor.

X: XEQUERE heißt die brasilianische Variante einer ursprünglich aus Westafrika stammenden Rassel, die in der südamerikanischen Musik häufig Verwendung findet. Der Körper besteht aus einem leeren, getrockneten Kürbis, um den ein Netz aus Samen, Perlen, Kaurischnecken oder Kugeln gespannt ist.

Y: „YESTERDAY“ der Beatles gilt heute zwar als der am häufigsten aufgenommene Popsong der Welt. Auf Platz 2 folgt dann aber bereits „The Girl from Ipanema“ von Antonio Carlos Jobim. Die Bossa-Nova-Hymne bezieht sich auf den neben der Copacapana berühmtesten Strand von Rio de Janeiro.

Z: Für Stefan ZWEIG stellte Brasilien auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus die letzte Zuflucht dar. 1940 gelangte er ins Land, für das er eine permanente Einreiseerlaubnis besaß. Er verfasste im Gegenzug 1941 die Lobeshymne „Brasilien. Ein Land der Zukunft“. Dennoch nahm sich der Schriftsteller in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau Lotte in Petropolis das Leben.