Lienz: 400 Jahre alte Linde ist ein Fall für die Kettensäge
Der stattliche Methusalem im Park von Schloss Bruck ist nicht mehr zu retten. Sicherheitsaspekte zwingen zum raschen Handeln.
Von Claudia Funder
Lienz –Es stimmt immer ein wenig wehmütig, wenn etwas, das sehr lange die Umgebung prägte, plötzlich aus dem Blick rücken soll. Er hat vermutlich viel erlebt in seinem mehr als vier Jahrhunderte langen Dasein, der älteste Baum im Park von Schloss Bruck. Im Laufe der Zeit hatte sich die Sommerlinde zu einem mächtigen grünen Riesen mit 35 Metern Höhe und sechs Metern Stammumfang ausgewachsen.
Längst war aber auch bekannt, dass das Naturdenkmal ein Problemfall ist. Bereits vor elf Jahren brach in etwa sechs Metern Höhe ein 50 Zentimeter dicker Ast ab und donnerte mit voller Wucht zu Boden. Man kann tatsächlich von Glück sprechen, dass damals niemand zu Schaden kam: Ein Konzert war kurz zuvor wegen Schlechtwetter abgesagt worden. Und die Bühne wäre direkt vor der Linde positioniert gewesen.
„Mit Pflegeschnitten wurde versucht, den Baum zu erhalten, schließlich brach aber auch noch der Haupttrieb ab“, erzählt Martin König, seit 2001 Leiter der Abteilung Forst und Garten der Stadt Lienz. Die Linde sei in der Folge regelmäßig begutachtet worden. Und dabei zeigte sich: „Die Vitalität nahm massiv ab“, berichtet König.
2012 erteilte die Bezirkshauptmannschaft Lienz den Auftrag, die Beschaffenheit alle Naturdenkmäler unter die Lupe zu nehmen. Anlass für diesen Schritt war damals ein Vorfall in Schlaiten gewesen, bei dem ein Ast auf die Straße gekracht war. Die Baumpflege Tirol nahm daraufhin auch den grünen Koloss beim Schlossteich genau ins Visier und erstellte ein Gutachten, welches das Schicksal des Baums endgültig besiegeln sollte. „Es hieß, dass die Standsicherheit nicht mehr gegeben sei und das Fällen der Linde dringend angeraten werde“, berichtet König.
Die Alarmzeichen sind indes auch optisch erkennbar. „Ein Brandkrustenpilz zersetzt die Zellulose, die die Festigkeit des Baums sichert. Die Rinde des morschen Stamms löst sich und die Krone ist bereits deutlich reduziert“, erklärt König vor Ort.
Das negative Zeugnis, das die Experten dem Baum attestiert hatten, ließen die Bezirkshauptmannschaft am 20. Dezember des Vorjahres den Status der alten Linde als Naturdenkmal aufheben. „Der Baum wird in den kommenden Wochen gefällt“, bestätigt König, und beteuert: „Wir machen es uns nicht leicht. Es wurde alles versucht, den Baum zu retten.“
Angedacht wird, den Wurzelring zu belassen und darin Platz für den „Nachwuchs“ zu schaffen. Denn: „Es wird wieder eine Linde gepflanzt werden“, verspricht der Obmann des Umweltausschusses der Stadt Lienz, Andreas Hofer.
Der morsche Methusalem ist übrigens vorerst der letzte Baum, der wegen drohender Gefahr gekappt werden muss. Für grünen Nachschub wird regelmäßig gesorgt. Allein heuer wurden in der Stadt 26 neue Bäume gepflanzt.