Das engagierte Gesicht Tirols
Das Ehrenamt hat in Tirol eine lange, gut verwurzelte Tradition. Die Möglichkeiten, sich in seiner Freizeit unentgeltlich für andere einzusetzen, sind vielfältig. Aber die Bereitschaft, sich zu engagieren, hat sich gewandelt.
Von Christoph Mair
Innsbruck –„Die Welt lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“ Das Zitat des deutschen Schauspielers Ewald Balser (1898–1978) ist so etwas wie der inoffizielle Leitspruch vieler Freiwilligenorganisationen und ihrer Mitglieder. Und wenn der Satz stimmt, ist Tirol ein besonders guter Flecken dieser Welt.
Denn faktisch jeder zweite Tiroler (ganz genau 48 %) engagiert sich in irgendeiner Form ohne Bezahlung dafür aber in der Freitzeit für die Mitmenschen oder die Umwelt. Das ist mehr als der Österreichschnitt, der laut Statistik Austria bei knapp 44 Prozent liegt. Doch wo liegt die Motivation, zusätzlich zu einer 40-Stunden-Woche (oder mehr) im Job und der Sorge um die eigene Familie die karge Freizeit für die Allgemeinheit zu opfern? Und in welchen Bereichen setzen sich die Tirolerinnen und Tiroler für andere ein?
Neben den Flaggschiffen der Freiwilligenorganisationen wie den Tiroler Feuerwehren mit ihren 30.000 Mitgliedern, dem bunten Strauß an Traditionsvereinen sind es auch viele Organisationen im sozialen und kirchlichen Bereich, die auf die Dienste Ehrenamtlicher angewiesen sind.
Eine Auswahl davon, 50 Aussteller, präsentierten sich auf der zweiten Freiwilligenmesse am Freitag im Congress Innsbruck. Eine Leistungsschau der Solidarität, die zeigte, wie vielfältig freiwillig die Tirolerinnen und Tiroler sind. Margret Lang etwa aus Innsbruck machte ihr Hobby, das Tanzen, zu ihrer ehrenamtlichen Berufung. Von einer Bekannten um die Mitarbeit bei den Innsbrucker Sozialen Diensten (ISD) gefragt, lehnte sie zunächst ab. „Besuchsdienste kamen für mich nicht in Frage.“ Die nächste Frage, was sie gut könne, ist seit inzwischen sechs Jahren eindeutig beantwortet: Margret Lang und mit ihr 12 weitere Freiwillige bitten seitdem einmal wöchentlich Senioren zum Linedance. „Ich dachte zunächst alte Leute mögen langsame, leise Musik“, schmunzelt die Innsbruckerin. „Das war ein Irrtum.“
Zur höchst aktiven Generation „60plus“ gehört auch Albin Oberhofer, der ehrenamtlich mit Demenzkranken arbeitet und mit der Gesprächstechnik der „Validation“ dafür sorgt, dass der Gedächtnisverlust nicht zu rasant fortschreitet. „Wenn ich die Erfolge sehe, dann ist das für mich Bezahlung genug.“ Wie Oberhofer denken die meisten Ehrenamtlichen: Persönliche Erfüllung und das Bedürfnis anderen zu helfen bzw. der Gesellschaft etwas zurückzugeben, rangieren bei den Motiven ganz oben.
Auch persönliche Betroffenheit spiele eine Rolle, wie z. B. bei Anna Portyanchenko. Die Russin, die seit zehn Jahren in Tirol lebt, arbeitet bei „Qualifair“, einem offenen Lernzentrum für Migranten mit nichtdeutscher Muttersprache mit. Auch sie hat bereits Bestätigung gefunden: „Wenn ein Asylwerber den Hauptschulabschluss schafft.“
Von der „besten Entscheidung seines Lebens“ spricht sogar Raphael Hölbling und meint damit, dass er über den Zivildienst bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck gelandet ist. Der 25-Jährige ist einer von 5300 freiwilligen Mitarbeitern des Roten Kreuzes in Tirol und leistet zahlreiche ehrenamtliche Stunden im Jahr, im Rettungsdienst und bei Übungen. „Ich habe noch keine Sekunde bereut“, erzählt der Student, da er viele Freundschaften geknüpft habe und viel positive Resonanz bekomme.
Auf der Freiwilligenmesse hätten sie viele Besucher an mögliche Betätitungsfelder herangetastet, erzählen Hölbling und sein Freund Florian Huber von den Erfahrungen am Stand des Roten Kreuzes. Sie haben den Eindruck, dass das Interesse am Ehrenamt zunimmt und sogar immer jünger werde. Etwas anders die Erfahrungen bei den Johannitern. Dort ist Roswitha Kogler nach ihrem aktiven Dienst als Leiterin des Patientencáfes weiterhin aktiv und sucht Mitstreiter im Bestreben, einsamen Menschen über verschiedene Aktivitäten ein wenig Lebensfreude zu schenken.
Ob freiwilliges Engagement zu- oder abnimmt, darüber gehen die Meinungen, je nach Standpunkt, auseinander. Verändert habe es sich sehr wohl, da herrscht Einigkeit (siehe links). Und es ist auch internationaler geworden, wie sich auf der Messe zeigt. Viele junge Menschen informieren sich über Auslandsaufenthalte, verknüpft mit gemeinnütziger Arbeit. Die Maturantinnen Anna Kluibenschädl und Vera Trager wollen dazu ein Jahr nach Kanada oder in die USA. Denn Mitmenschlichkeit macht schließlich nicht an Grenzen Halt.