Hochwasser in Serbien - Alltag kehrt nach Obrenovac zurück
Belgrad (APA) - Am späten Nachmittag bildet sich eine lange Wagenkolonne an der führenden Ausfahrtstraße von Obrenovac Richtung Belgrad. Jen...
Belgrad (APA) - Am späten Nachmittag bildet sich eine lange Wagenkolonne an der führenden Ausfahrtstraße von Obrenovac Richtung Belgrad. Jene, die den ganzen Tag mit der Säuberung ihrer vor drei Wochen überschwemmten Häuser und Wohnungen verbracht haben, kehren in ihre vorläufige Unterkunft bei Freunden, Verwandten, in ihre Mietwohnungen, ja, auch in Flüchtlingsunterkünfte in Belgrad zurück.
Am Freitag wurden rund 200 Stadtbewohner in einer bereits vor Jahren aufgelassenen Kaserne in Obrenovac untergebracht. Diese neue Unterkunft soll ihnen das tägliche Pendeln ersparen. In die Stadt südwestlich von Belgrad, die samt Umgebung etwa 70.000 Einwohner hat, kehrt nach den katastrophalen Überschwemmungen Mitte Mai das Leben allmählich zurück.
Das städtische Hotel, ein riesengroßer Betonbau, der im Mai wie eine einsame Insel in der überschwemmten Stadt wirkte, steht längst auf dem Trockenen. Die Umgebung wurde gesäubert, an grauer Grasfarbe sind die Folgen der Überschwemmung noch deutlich zu erkennen. Davon, dass die Situation keineswegs die Übliche ist, zeugen Polizeiwagen und Feuerwehrleute am Kontrollpunkt vor dem Hotel, auch viele Lastkraftwagen, die den angehäuften Müll in die Belgrader Mülldeponie bringen.
Unweit des Hotels wird ein Gemüseladen mit frischer Ware versorgt. Schräg gegenüber sitzen mehrere Männer im Garten eines schäbigen Kaffeehauses. Ist der Alltag schon zurückgekehrt? Wie viele Einwohner von Obrenovac können das Angebot des kleinen Gemüseladens wirklich in Anspruch nehmen? Das weiß derzeit noch niemand. Die Käufer zählen eher zu jenen Bewohnern, deren Wohnungen in höheren Etagen der Wohnblöcke liegen.
Was in den kleinen Familienhäusern übrig geblieben ist, deren Dächer tagelang das einzige war, was aus dem Wasser ragte, sind häufig nur feuchte Wände. Der Großteil des Mülls wurde in den vergangenen Tagen bereits aus der Stadt gebracht. Hunderte Lastkraftwagen waren im Einsatz, nachdem in der Vorwoche Verteidigungsminister Bratislav Gasic mit der Aufgabe beauftragt worden war. In einzelnen Nebenstraßen, aus welchen sich das Wasser erst kürzlich zurückzog, liegt das einstige Mobiliar noch haufenweise vor den Häusern. Erkennbar sind nur einzelne Sofateile, alles andere wurde in eine unkenntliche Masse verwandelt, die nun unter rasch eingetretenem Sommerwetter trocknet. Zehn Prozent der Stadt stehen zudem weiterhin unter Wasser. Auch die Kanalisation muss erst repariert werden.
Auf den ersten Blick sieht Obrenovac wie eine verschlafene Kleinstadt aus. Erst nach genauerem Hinsehen entdeckt man, dass Geschäfte meist leer stehen, und die offenstehenden Türen und Fenster nicht das übliche Lüften bedeuten, sondern das Austrocknen der Wände beschleunigen sollen. Hie und da sind in Gärten auch Herde und sonstige Haushaltsgeräte zu sehen, die ebenfalls zum Trocknen dort hingestellt wurden, in der Hoffnung, dass sie noch brauchbar sein werden. Und überraschenderweise sind überall üppig blühende Rosensträucher zu sehen, welchen die Wasserflut wohl nichts antun konnte.
Etwa 30 Prozent der Bewohner könnten derzeit gar nicht in ihre Heime zurückkehren, sagte Bürgermeister Miroslav Cuckovic. In keiner einzigen Schule der Stadt könne der Unterricht aufgenommen werden. Das ganze Mobiliar wurde vernichtet. Wie hoch die Schadenssumme in der am meisten betroffenen Stadt Serbiens liegt, weiß derzeit noch niemand.
Unweit von Obrenovac betreibt eine zehnköpfige Mannschaft des Deutschen Hilfswerkes eine Wasseraufbereitungsanlage. Sie liegt direkt am Save-Ufer. Täglich werden etwa 32.000 Liter Trinkwasser hergestellt, was etwa die Hälfte des normalen Trinkwasserbedarfes von Obrenovac ausmacht. Das Wasser sei von besserer Qualität als jenes, das vor der Überschwemmung von der lokalen Wasserfabrik hergestellt worden sei, kommentiert ein lokaler Feuerwehrmann. Das deutsche Team bleibt noch bis Monatsende in Obrenovac, bis dann muss die heimische Wasseraufbereitungsanlage wieder betriebsfähig sein.
Etwa 26 Kilometer von Obrenovac entfernt liegt der landesweit größte Kohle-Tagebau, der Mitte Mai in einen riesengroßen See verwandelt wurde, der an einigen Stellen weiterhin etwa 80 Meter tief sein dürfte. Aus dem Wasser ragen oberste Teile eines riesigen Schaufelradbaggers und eines Krans, unter dem Wasser stehen vier weitere wertvolle Maschinen. Deutsche und niederländische Experten versuchen herauszufinden, wie sie das Wasser abführen können. Denn die etwa 130.000 Kubikmeter Wasser werden nicht von selbst austrocknen, und der naheliegende Kanal kann es auch nicht aufnehmen. Aus dem Kohle-Tagebau wird das führende Kohlekraftwerk Serbiens versorgt, auf welches etwa die Hälfte der Stromproduktion des Landes entfällt. Allein Belgrad hängt zu 60 Prozent davon ab. Spätestens im Winter dürfte die Stromknappheit spürbar werden.
(Fotos von Obrenovac finden sie im AOM.)