Reutte

Larissas Eltern im Gespräch: „Ungewissheit war schrecklich“

Die große Anteilnahme gibt den Eltern der getöteten Larissa Kraft. Die Mutter kann den Täter nicht hassen und denkt auch an die Katastrophe für dessen Familie.

Von Helmut Mittermayr

Reutte – „Seit ich die Stelle gesehen habe, wo er sie in den Inn hineingetan hat, geht es mir ein bisschen besser. Es ist ein schöner Platz. Sie hätte ihn vielleicht selber ausgesucht. Ich habe zwei Wochen dafür gebetet und weiß jetzt, Larissa ist im Himmel und hat Frieden gefunden.“ Das sagt Franziska Biber, die Mutter der jungen Reuttenerin, deren tragisches Schicksal seit zweieinhalb Wochen ganz Tirol bewegt. Die Eltern wollen nun am Inn eine Gedenktafel anbringen.

Seit sie Gewissheit haben, was ihrer Tochter widerfahren ist, können Hannes und Franzi Biber etwas leichter leben. Sie hätten von Anfang an gewusst, dass „das“ nicht gut ausgehen wird. Larissa sei geerdet und erfolgreich gewesen. Niemals hätte sie eine Auszeit genommen, war für die Eltern vom ersten Tag des Verschwindens an immer klar.

In wenigen Tagen etwa sollte der 21-jährige Werkstofftechnik-Lehrling öffentlich ausgezeichnet werden - als Tiroler Landessiegerin des Lehrlingswettbewerbes. Larissa hatte große Pläne. Nach Beendigung ihrer Lehrzeit bei Plansee wollte die Maturantin in Wien technische Physik studieren.

„So komisch das klingt. Auch die Art und Weise, wie sie ums Leben gekommen ist, macht das Ertragen ein klein wenig einfacher“, gibt die Mutter offen zu. Zermartert habe sie sich in den Tagen der Ungewissheit, was der Tochter alles an Gewalt hätte angetan werden können. Die Aussagen von Kriminalpolizei und Ärzten hätten ihnen aber Hoffnung gegeben, dass Larissa sehr schnell bewusstlos war und nicht lange leiden musste. Der Täter habe lange gebraucht, um seine schreckliche Tat zu vollenden.

Die Mutter zeigt unglaubliche Größe: „Trotzdem empfinde ich keinen Hass gegen diesen Mann. Er wird ein Leben lang damit klarkommen müssen, dass er jemanden umgebracht hat. Und auch seine Familie tut mir unendlich leid. Kaum vorstellbar, was er mit seiner Tat auch dort alles angerichtet hat.“

Larissas Vater, er ist Maler und Grafiker, hadert mit den Umständen: „Warum musste sie nur auf diese Flirtplattform gehen und den späteren Täter dort kennen lernen?“ Mutter Franzi hält mit Wärme dagegen und will das Internet gar nicht verteufeln: „Ach geh, sie hätte den Mann auch auf der Straße oder beim Ausgehen kennen lernen können. Larissa war einfach auf der Suche nach der großen Liebe in ihrem Leben.“ Kurze Pause: „Wer ist das nicht, das war bei uns nicht anders. Das sind doch alle irgendwie.“

Die Bezeichnung Freund für den Mann, der ihr Kind erwürgt haben soll, sei nicht ganz passend. „Sie haben sich ja erst drei Wochen gekannt. Alles war am Anfang. Aber unser Mädl hatte große Hoffnung, die Liebe gefunden zu haben.“ Die Unverfrorenheit des Täters raubt den Eltern im Nachhinein aber immer noch die Luft: „Er stellte sich uns während der Suche nach Larissa vor und sagte, wie sehr er es bedauere, dass man sich unter diesen Umständen kennen lernen muss.“ Er sei auch nach der Tat noch mit Larissas Schwestern Essen gegangen. „Wir haben ihm beide von Anfang an misstraut.“

Die Bibers haben noch drei Töchter zwischen 17 und 28 Jahren - und keine Angst, wenn sie weiterhin „normal“ ihrem Leben nachgehen. Franziska Biber will auch anderen Eltern, die nun möglicherweise sehr verunsichert sind und über jede Minute des Tuns ihrer Kinder Bescheid wissen wollen, Mut machen, den Alltag einkehren zu lassen: „Ja, eine gewisse gesunde Vorsicht ist immer angebracht. Aber das, was unserer Familie passiert ist, ist eine schicksalhafte, einmalige Situation.“

Franzi und Hannes Biber wollen auch danken. Die tirolweite Anteilnahme sei einfach überwältigend und gebe unendlich viel Kraft. „Kaum fassen können wir das Mitgefühl der jungen Menschen. Wenn es oft heißt, die Jugend ist schlecht, beweist das jetzt, dass das Gegenteil der Fall ist.“ Die große Facebookgruppe, die so aktiv war und nie aufgegeben hat, oder auch die vielen Reuttener, die immer wieder zur Suche „hineingefahren“ sind, haben sie in ihr Herz geschlossen. Namentlich erwähnen sie etwa den Reuttener Security-Mann Bertl Fuchs, der mit seinen Sicherheitsleuten zwischen Innsbruck und Hall keinen Keller ausgelassen habe.

Auch die spontane Absage der Einkaufsmeile durch die Reuttener Kaufmannschaft hat die Eltern bewegt. Mit so viel Anteilnahme hätten sie nie gerechnet, sagen sie. Für die Hortpädagogin ist auch das Entgegenkommen ihres Arbeitgebers vom Reuttener Josefsheim, den Barmherzigen Schwestern samt Mutterhaus in Zams, eine große Hilfe und Entlastung.

„Die Beamten der Kriminalpolizei waren die ganze Zeit irrsinnig mitfühlend mit uns. Wir möchten ihnen an dieser Stelle auch ausdrücklich danken, dass sie mit ihrer konsequenten Arbeit den Fall gelöst haben. Denn die Ungewissheit war das Schrecklichste“, erklären die Eltern.

Franziska Biber entschuldigt sich auch, dass sie auf kein einziges der vielen persönlichen SMS geantwortet hat: „Mich hat jedes gefreut. Aber ich kann im Moment nur alleine trauern.“ Die Reuttenerin hat sich seit Tagen vollkommen zurückgezogen. Johannes Biber sagt fast gar nichts mehr. Gut geht‘s dem Künstler nicht und Depressionen sind ihm auch nicht fremd: „Hoffentlich stehe ich das durch. Aber meine Ärzte haben mir versprochen, dass sie auf mich schauen werden.“ Das tut auch ein Kriseninterventionsteam. Um die Trauer überhaupt bewältigen zu können, wurde eine Familientherapie gemeinsam mit den drei Kindern begonnen.

„Ich habe jeden Tag das Gefühl, ich lebe in einem bösen Traum. Als gäbe es einen Klick, ich wache auf und alles ist, wie es vorher war. Larissa kommt wie immer bestens gelaunt bei der Tür herein und pflanzt übermütig ihre Mama“, lässt Franziska einen tiefen Blick in ihre gemarterte Seele zu. Sogar der Hund sei wie ausgewechselt und warte an der Türe. Niemand kommt.

Sollte der Leichnam von Larissa nicht bald im Inn gefunden werden, organisieren die Eltern am 12. Oktober in der Reuttener St.-Anna-Pfarrkirche einen Verabschiedungsgottesdienst. „Wir nehmen den Samstag, damit viele junge Leute frei haben und kommen können.“ Der ganzen Familie liegt Musik im Blut. Larissa spielte hervorragend Saxophon und überraschte ihre Mutter kürzlich zum 50. Geburtstag mit dem Gesang zum Bluatschinklied „Fålla låssa“. Die Mama hat einen großen Wunsch: „Es wäre schön, wenn der Bluatschink selbst zum Gedenkgottesdienst kommen könnte und dort das Lieblingslied Larissas spielt.“ Die Tiroler Tageszeitung fragte umgehend bei Toni Knittel nach. Er will gerne dabei sein.

Daheim sitzen, sich nicht fallen lassen, warten ?? so vergehen die Tage von Larissas Eltern. Warten auf den einen Anruf der Kriminalpolizei, dass die Tochter nach Hause geholt werden kann.