Komponist HK Gruber: „Humor ist die ernsteste Sache der Welt“ 1
Bregenz/Rosenburg (APA) - Der Wiener Komponist HK Gruber (71) beginnt heute, Montag, in Bregenz mit den Proben seiner Oper „Geschichten aus ...
Bregenz/Rosenburg (APA) - Der Wiener Komponist HK Gruber (71) beginnt heute, Montag, in Bregenz mit den Proben seiner Oper „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Er dirigiert selbst die von Michael Sturminger inszenierte Uraufführung, die am 23. Juli zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele Premiere hat. Die APA traf Gruber kurz vor seiner Abreise dort, wo seine Oper großteils entstanden ist - in Rosenburg am Kamp.
APA: Herr Gruber, an „Geschichten aus dem Wiener Wald“ haben Sie dreieinhalb Jahre komponiert. Lässt sich die viele Arbeit, die da drinnen steckt, überhaupt angemessen abgelten?
Heinz Karl Gruber: Ich kann nur sagen, dass kein Schneeschnaufler für das Geld, das man an einem solchen Projekt verdient, die Schaufel in die Hand nehmen würde. Wenn man das mit Dirigentengagen vergleicht - und ich bin auch Dirigent, ich weiß also, wovon ich spreche - könnte man etwas überspitzt sagen: Wenn der einmal die Partitur umblättert, bekommt er so viel Geld wie der Komponist für den halben Auftrag. Eigentlich gibt es den Beruf Komponist nicht wirklich. Es gibt kaum Komponisten, die davon leben können. Komponisten sind Pfuscher, die nebenberuflich arbeiten. Wenn ich jetzt als Dirigent die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, selbst auslöffle, hat das auch den Vorteil, dass ich noch ein bisschen mitnaschen kann, denn ich mache das ja nicht unbezahlt. Aber natürlich interessiert es mich, mein Werk aus der Taufe zu heben. Deshalb nütze ich die Möglichkeit, von Anfang an bei den Proben dabei zu sein.
APA: Sie sind noch mitten im Einrichten der Partitur?
Gruber: Ja, weil ich für ein paar Tage nach New York rüber geflogen bin, zu meiner „Gloria von Jaxtberg“ im Theatersaal des Metropolitan Museum. Das hat Alan Gilbert dirigiert, er setzt bei den New Yorker Philharmonikern sehr auf Neue Musik. Für ihn gibt es keine Schwellenängste. Wenn ein Chefdirigent eines so tollen Orchesters auf Neue Musik setzt und das mit Leidenschaft nach außen vertritt, ist das ansteckend. Das war wunderbar. Aber deshalb bin ich mit dem Einrichten der Partitur noch nicht fertig und muss das in Bregenz während der Proben zu Ende bringen.
APA: Sie gelten als ein Komponist, der es Leuten mit Schwellenangst leicht macht. Ihr Werk erschließt sich auch Menschen, die um Neue Musik sonst eher einen Bogen machen. Ist das ihr Naturell oder ein bisschen Kalkül?
Gruber: Ich denke beim Komponieren gar nicht an den Endverbraucher. Aber ich bin natürlich daran interessiert, eine Sprache zu sprechen, die verständlich ist. Wir haben ein Idiom in der Musik, das ist so alt wie die Menschheit selbst: die Tonalität. Wenn man mit diesem Idiom intelligent umgeht, kann man eigentlich alle Publikumsschichten ansprechen. Es ist aber eine Tonalität ohne Netz, sehr absturzgefährdet und durchaus beeinflusst von allen technischen Möglichkeiten, die es seit Schönberg im Komponierbetrieb gibt. Mein Director New Music im Londoner Verlag Boosey & Hawks, David Drew, hat immer gesagt: „Das Publikum soll ein bisschen ungemütlich sitzen.“
APA: Wie kam es zur Idee, Ödön von Horvaths berühmtes Stück in eine Oper zu verwandeln?
Gruber: Auf der Premierenfeier zu meiner Oper „der herr nordwind“ in Zürich hat mich Michael Sturminger angesprochen. Er hat 1997 die österreichische Erstaufführung der „Gloria von Jaxtberg“ inszeniert, und bei dieser Zusammenarbeit habe ich einen Narren an ihm gefressen, weil er damals alle meine Sehnsüchte in Bezug auf Theater erfüllt hat - nämlich mit einem Minimum mit Aufwand ein Maximum an Wirkung zu erzielen. Sturminger sagt also in Zürich zu mir: „Deine nächste Oper wird ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘“. Und ich sagte: „Nie im Leben, das rühre ich nicht an. Das kann ich nur kaputt machen.“ Ein Jahr später, 2006, hat David Pountney zu mir gesagt: „Nali, Du musst mir eine Buffo-Oper schreiben. Das kannst nur Du.“ Buffo-Oper ist nämlich das Schwierigste, das es gibt. Fürs Libretto wollte er aber unbedingt einen lebenden Autor. Da haben wir dann jahrelang herumgemurkst und keinen gefunden. 2010 hat Pountney gesagt: „Monty Python überlegen gerade, ob sie für Dich ein Libretto schreiben.“ Da hätte ich nicht widerstehen können. Aber daraus ist dann nichts geworden. Also wurden es doch die „Geschichten aus dem Wiener Wald“.
APA: Wieso eignet sich das eigentlich tief traurige Horvath-Stück für eine Buffo-Oper?
Gruber: Der Umstand, dass es tragisch ausgeht, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch sehr viele lustige Szenen gibt. Die gehen dann nach hinten los, und die Lustigkeit bleibt einem im Rachen stecken. Mir wird ja gerne so ein Etikett umgehängt: Der Nali ist der Clown in der Neuen Musik. Aber ich finde, ich bin der ernsteste Mensch, dem ich je begegnet bin. Für mich ist Humor die ernsteste Sache der Welt. Wenn man sich der Sache Humor nicht unglaublich präzise und seriös annimmt, kann leicht Schmiere daraus werden.
APA: Sturminger hat auch das Libretto geschrieben. Wie hat die Zusammenarbeit konkret ausgesehen?
Gruber: Begonnen haben wir, indem ich ihm das Stück laut vorlas. Dadurch ist der musikalische Aspekt der Horvath‘schen Sprache zutage getreten. Ich bin ja der Überzeugung, dass die Musik mit dem Sprechen beginnt. Wenn jemand beim Sprechen keine Prosodie, kein Sprachmelodie entwickelt, dann langweilen wir uns. Der Mensch kommt auf die Welt und singt. Das Erste, was er von sich gibt, ist: „Mama“. Diese kleine Terz ist das Ur-Intervall. Es gibt in jeder Sprache Ur-Intervalle, aus denen sich die Sprachmelodie entwickelt. Als Komponist war ich in diesen dreieinhalb Jahren Arbeit vor allem Dialogregisseur.
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