Komponist HK Gruber 2 - „Nichts ist widerlicher als die Berufswiener“
Bregenz/Rosenburg (APA) - APA: Wie wienerisch sind diese „Geschichten aus dem Wiener Wald“ geworden?...
Bregenz/Rosenburg (APA) - APA: Wie wienerisch sind diese „Geschichten aus dem Wiener Wald“ geworden?
Gruber: Als mir Michael (Sturminger, Anm.) dieses Stück aufzwingen wollte, ist mir ein Verdacht gekommen: „Willst Du, dass ich das mache, weil Du glaubst, ich bin ein Berufswiener?“ - „Nein, nein, ich weiß nur, dass Du mit solchen Klischees gut umgehen kannst.“ Das war schmerzlindernd für mich, denn für mich ist nichts widerlicher als die Berufswiener, die sich die Maske der Wiener Gemütlichkeit aufsetzen und mit dem Wienertum Geld machen. Es gibt ja unfassbar viele Ensembles, die krampfhaft versuchen, in ihren Namen Wien hineinzubringen. Das macht sich besonders in Japan bezahlt. Aber das sind nur abgestandene alte Socken. Was mich am Wienerischen interessiert, und was mir auch in die Wiege gelegt wurde, ist ein unglaublich reiches Erbe. Da sind die Wiener Klassiker, die Wiener Schule, der Hanns Eisler drin. Horvath war so beeindruckt von der „Dreigroschenoper“, dass er ursprünglich ein Schauspiel mit Musik geplant hatte, für das er sich Kurt Weill als Komponist gewünscht hat. Es ist ja kein typisch wienerisches Stück, denn die Menschen, die Horvath beschreibt, könnten einem genauso gut in Brooklyn oder in Sydney begegnen. Aber Horvath hat das Wiener Milieu gewählt, und so muss man die sich anbietenden Klischees nutzen, sonst geht man am Stück vorbei. In den Regieanweisungen wünscht er sich als Bühnenmusik oft eine bestimmte Musik - den Donauwalzer, einige Heurigenlieder...
APA: Finden sich die verfremdet bei Ihnen wieder oder im Original?
Gruber: Das einzige, das ich wirklich im Original einsetze, ist der Walzer „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Johann Strauß Sohn. Den habe ich aber so manipuliert, dass es so klingt, als ob das jemand übt, der dauernd Fehler macht. Der teils vergebliche Versuch, diesen Walzer zu spielen, kehrt immer wieder. Für „Da draußen in der Wachau“ habe ich selber ein Volkslied erfunden. Und ich verwende auch Donauwalzer-Elemente. Die Sprache der Horvath-Figuren arbeitet ja auch sehr viel mit Fertigteilsätzen.
APA: Wie gehen Sie mit den berühmten Horvath‘schen Stillen um?
Gruber: Die kommen vor. Es gibt nicht eine Stille, die wir weglassen. Und wir haben sie wörtlich genommen. Manche Stillen sind aber überbrückt durch einen Pedalton. Es wird also irgendwas angespielt und hängt wie ein Echo-Ton im Raum.
APA: Herr Gruber, alle nennen Sie „Nali“. Woher kommt eigentlich dieser Spitzname?
Gruber: Ich war ja bei den Sängerknaben. Dort hatten wir Schlafsäle mit zehn Buben, und man sagt, ich hätte einmal in der Nacht vor mich hin gelallt: „Naijji Nali“ oder so. Ab dem Zeitpunkt war ich der Nali. Der Spitzname ist später verloren gegangen, doch 1976, als mich Boosey & Hawks an Land gezogen hat und ich dadurch als 33-Jähriger wie neu geboren wurde, fragte mich David Drew: „Und jetzt die wichtigste Frage: Hast Du einen Spitznamen? Alle unsere Komponisten haben einen Spitzennamen: Lennie Bernstein, Benny Britten... Ab dem Zeitpunkt war ich wieder der Nali. Der Lennie ist sehr auf meine Musik gestanden. Mein Tanglewood-Debüt verdanke ich ihm, und als er 1979 in Wien ein Konzert gab, wollte er mich im Künstlerzimmer sehen. Ich war ja damals in Wien noch ein Nobody, ein Außenseiter. Aber ich durfte als Einziger alleine zu ihm, und er zeigte mir seinen Terminkalender - randvoll bis ins Jahr 1986. Er hat gesagt: „Nali, ich würde gerne Deine Musik dirigieren, aber du siehst: Ich habe keine Zeit! Du musst Dich selbst dirigieren. Und ich werde die PR machen.“ Von da an hat es bei mir Einladungen geregnet - nach San Francisco, Boston, Brüssel, Paris. Ich hab immer gefragt: „Wie seid ihr auf mich gekommen?“ Und sie haben gesagt: „Der Bernstein hat Dich empfohlen. Wenn wir da nicht reagieren, bekommen wir ein Problem.“
APA: Haben Sie gute Erinnerungen an Ihre Sängerknabenzeit?
Gruber: Ja. Und ich wollte ja schon von Kindheit an Komponist und Dirigent werden. Und schrittweise hat sich das alles erfüllt. Ab dem Moment, wo ich Mitglied der Sängerknaben war, habe ich mich als Berufsmusiker verstanden. Wir haben jeden Sonntag in der Hofmusikkapelle gesungen, begleitet vom Staatsopernchor und den Philharmonikern. Ich habe sogar mal unter Bruno Walter gesungen. Mein erster Auftritt im Musikverein war unter Furtwängler. Unser künstlerischer Leiter war Ferdinand Großmann, bei dem hab ich auch Gesang studiert, und er hat mir auch geraten, Kontrabass zu lernen. Er hat gesagt: „Mit de Protzn musst Kontrageiger werden.“ Ich habe mich ja selber finanziert als Orchestermusiker, ich musste mich daher nirgendwo andienen und war auch nicht auf Unterstützung angewiesen. Denn meine Eltern waren dagegen. Aber ich habe mich durchgesetzt. Ich habe dann fast 40 Jahre meines Lebens im Orchester gespielt. Es war vielleicht ein bisschen zu lange, aber andererseits: Nirgendwo lernt ein Komponist mehr als im Orchester.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
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