Sprechspezialist mit Faible für Jelinek: Rudolf Melichar wird 85

Wien (APA) - „Also das muß ich sagen: was Rudolf Melichar ganz besonders kann ist: sprechen.“ Keine geringere als Nobelpreisträgerin Elfried...

Wien (APA) - „Also das muß ich sagen: was Rudolf Melichar ganz besonders kann ist: sprechen.“ Keine geringere als Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb mit „Zum Beispiel Rudolf Melichar“ vor 15 Jahren eine Lobeshymne auf den Kammerschauspieler. Bei dem Charakterdarsteller, der am Sonntag 85 wird, hört sich das bescheidener an: „Ich besitze einen gewissen Sinn für die Möglichkeiten des Sprachklangs.“

Geboren am 22. Juni 1929 in Berlin als Sohn des österreichischen Komponisten und Dirigenten Alois Melichar, kam Rudolf Melichar als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Wien, wo er in der Nachkriegszeit aufwuchs und sich am Reinhardt-Seminar zum Schauspieler ausbilden ließ. Bald stand er in Kiel, Essen, Hannover, Dortmund und Köln auf der Bühne, bevor es ihn Ende der 60er Jahre endgültig nach Wien und ans Burgtheater verschlug. Seit 1968 ist er im Ensemble des Hauses und gilt dort längst als Institution. Hier stand er in rund 130 Rollen auf der Bühne, häufig in Stücken von österreichischen und deutschen Theaterklassikern wie Nestroy, Horvath, Schnitzler, Kleist, Goethe oder Brecht, spielte aber auch Moliere, Shakespeare, Tschechow und Ibsen.

Besonders oft aber stößt man in der Karriere Melichars auf dessen Lieblingsdramatikerin Elfriede Jelinek und seinen Lieblingsschriftsteller Thomas Mann. Bereits 1994 brillierte Melichar in Claus Peymanns Jelinek-Inszenierung „Raststätte“ und galt fortan als Spezialist für moderne Sprachpartituren. Weitere sechs Jelinek-Inszenierungen sollten folgen, darunter jeweils in der Regie von Nicolas Stemann „Das Werk“, „Babel“ und „Die Kontrakte des Kaufmanns“ sowie zuletzt in der Inszenierung von Stefan Bachmann „Winterreise“ am Akademietheater. Bald war er nicht nur am Theater, sondern auch im Fernsehen und im Film zu sehen - u.a. in der Regie von Axel Corti oder zuletzt in Michael Hanekes Jelinek-Adaption „Die Klavierspielerin“.

Unter Friederike Heller spielte der „Sprech-Schauspieler“ in den Handke-Inszenierungen „Die Unvernünftigen sterben aus“, „Spuren der Verirrten“ und „Doktor Faustus - my love is as a fever“ nach Thomas Mann. Letzterem zollte Melichar bei seinem 80. Geburtstag mit der Lesung „Mein Mann dein Mann“ im Kasino am Schwarzenbergplatz Tribut. „Ich saß mit meinem Vater und einem seiner Komponistenfreunde in einem Cafe in Gastein auf einer sonnigen Terrasse, als ich zwei Tische weiter Thomas Mann sitzen sah, und starrte zu ihm hinüber“, erinnert sich Melichar. „Meine literarische Ikone war mit einem Mal lebendig geworden und saß, in grauem Anzug und heller Krawatte, vor mir. Seine Bücher hatte ich mehrmals gelesen und konnte viele Stellen auswendig.“

Derzeit ist der Träger des Goldenen Verdienstzeichens für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich am Burgtheater in „König Lear“ und im Wiener-Lied-Abend „Über d‘Häusa“ seiner ebenfalls schauspielenden Gattin Elisabeth Augustin im Vestibül zu sehen. Im Juli gibt der Vater dreier Kinder dann den Obersthofmeister in Nicolas Haggs Stück „1914 - Zwei Wege in den Untergang“ bei den Festspielen Reichenau.

(B I L D A V I S O - Bilder von Rudolf Melichar auf der Theaterbühne sind im AOM abrufbar.)