Die Kurden werden zum Gewinner im Irak-Konflikt

Bagdad (APA/dpa) - Seit fünf Tagen kämpften kurdische Truppen im Nordirak gegen die ISIS-Jihadisten, dann schickte die Terrormiliz einen Kur...

Bagdad (APA/dpa) - Seit fünf Tagen kämpften kurdische Truppen im Nordirak gegen die ISIS-Jihadisten, dann schickte die Terrormiliz einen Kurier. „Wenn ihr uns nicht angreift, greifen auch wir nicht an“, bot der Kämpfer der Organisation Islamischer Staat im Irak und Syrien am Sonntagabend den bei Tus Churmatu stationierten Kurden an.

Seitdem beäugen sich beide Armeen - deren Stützpunkte hier keine 500 Meter voneinander entfernt sind, berichtet die kurdische Nachrichtenseite „Rudaw“. Die Ortschaft Tus Churmatu liegt 160 Kilometer nördlich von Bagdad in einem Gebiet, das seit vielen Jahren zwischen den Kurden und der irakischen Zentralregierung umstritten ist. Nun hat die Peshmerga - die Armee der kurdischen Autonomieregion im Nordirak - hier militärische Stützpunkte bezogen.

Die Kurden könnten zum Gewinner des aktuellen Konflikts werden, der vor einer Woche mit dem Vormarsch der sunnitischen Isis-Extremisten über die nördliche Millionenstadt Mossul in Richtung Bagdad begann. Angesichts einer Massenflucht irakischer Soldaten vor den Jihadisten kam Iraks Zentralregierung nicht umhin, die Peshmerga um Hilfe zu bitten.

Die Führung der kurdischen Autonomieregion - die derzeit als sicherer gilt - präsentiert sich als Retterin in der Not. Hunderttausende Menschen flohen in den vergangenen Tagen dorthin. Nach Worten des kurdischen Regierungschefs Nechirvan Barzani hat die Zentralregierung in Bagdad die Kurden gebeten, etwa die Stützpunkte der irakischen Armee in der ölreichen Stadt Kirkuk zu übernehmen, als ISIS näher rückte. Die Peshmerga habe den irakischen Soldaten daraufhin geholfen, sich sicher in Richtung Bagdad zurückzuziehen, sagt er.

Damit haben die Kurden ein weiteres Gebiet übernehmen können, das sie seit Jahren beanspruchen. Die kurdische Armee sichert ferner die Provinzen Nineve und Diyala gegen ISIS-Kämpfer. Diese Gebiete sind zwar mehrheitlich von Kurden bewohnt, gehören aber offiziell zu Bagdad.

Insgesamt hat die Peshmerga so in kürzester Zeit die Fläche der von ihr kontrollierten Gebiete nahezu verdoppelt. Das kurdische Verteidigungsministerium verkündet bereits, es habe nicht die Absicht, das Gebiet wieder herzugeben. „Wir sind gekommen und werden bleiben.“ Nun werden alte Forderungen nach einem Referendum wieder laut: Die Bevölkerung in den umstrittenen Gebieten solle selbst über ihre Zugehörigkeit entscheiden.

Die Kurden hoffen schon lange auf ihre Unabhängigkeit - oder zumindest auf einen föderalen Irak nach dem Sturz von Langzeitpräsident Saddam Hussein. Kurden leben in der Osttürkei, im Norden Syriens und des Irak sowie im westiranischen Bergland. Einen eigenen Staat hatten sie nie. Nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003 in den Irak beteiligten sich kurdische Kämpfer an der Zerschlagung von Saddams Truppen.

Einen eigenen Staat im Nordirak konnten die gut drei Millionen Kurden in dieser Region auch nach Ende des Krieges nicht aufbauen. Bagdad behielt seinen Einfluss auf die ölreichen Provinzen rund um Kirkuk, nur ein Bruchteil des Kurdengebietes wurde zur Autonomieregion.

Anders als der Rest des Landes kam das autonome Kurdistan rasch auf eigene Beine. Universitäten und Schulen wurden gebaut, Einkaufszentren und Autohäuser wurden in vielen Städten eröffnet. Die Autobahnen und Schnellstraßen sind auf kurdischer Seite frisch geteert, auf irakischer Seite zerbricht der Belag. Während Bagdad fast täglich Selbstmordattentate vermeldet, beschreibt das deutsche Auswärtige Amt die Sicherheitslage im kurdischen Norden als „vergleichsweise besser“. Viele ausländische Firmen beschränken ihre Irak-Geschäfte auf diese Gebiete.

Anders als in Syrien - wo Jihadisten mehrfach Massaker in kurdischen Dörfern verübten - scheinen die ISIS-Kämpfer die Souveränität der Kurden im Irak anzuerkennen. Im Gegensatz zu den Soldaten der irakischen Armee werden die Peshmerga-Streitkräfte von den Jihadisten mit Samthandschuhen angefasst - vermutlich weil ISIS nicht an zwei Fronten kämpfen will. Während im Internet Videos von Massenexekutionen irakischer Soldaten verbreitet werden, taucht nichts dergleichen über die Peshmerga auf. Zwei kurdische Soldaten, die an einem Checkpoint in Gefangenschaft von ISIS gerieten, durften mit Redakteuren von „Rudaw“ telefonieren. Sie werden zitiert mit den Worten: „Man behandelt uns gut.“