1914/2014 - Julikrise: Wien stellte Belgrad 2 - Schock in Europa
Wien/Belgrad (APA) - Der Noteninhalt, den Wien am 24. Juli auch allen anderen interessierten Regierungen übermittelt hatte, löste allgemeine...
Wien/Belgrad (APA) - Der Noteninhalt, den Wien am 24. Juli auch allen anderen interessierten Regierungen übermittelt hatte, löste allgemeinen Schock aus. In Belgien wertete man die Note als „unqualifizierbar“. In London bezeichnete Außenminister Sir Edward Grey die Note als „übelstes Schriftstück, das ihm jemals in seine Hände gekommen war“. Der russische Außenminister Sergej Sasonow sagte dazu: „Das bedeutet Krieg“.
Italien ließ in St. Petersburg verlauten, Österreich-Ungarn habe „unannehmbare“ Bedingungen an Serbien gestellt. Nur Rumänien dürfte als einziges Land Serbien die volle Annahme der Note empfohlen haben. Frankreich riet Serbien, so viele österreichische Bedingungen anzunehmen, als es die Ehre des Landes zulassen.
In Vertretung von Ministerpräsident Nikola Pasic nahm der serbische Finanzminiser Pacu die Note entgegen. Die Übergabe erfolgte in einem aufgepeitschten Klima, da die serbische Öffentlichkeit wegen Ausschreitungen gegen bosnische Serben nach dem Sarajevo-Attentat empört war.
Pacu beriet sich umgehend mit dem russischen Geschäftsträger in Belgrad, Strandmann, über das Schriftstück. Dieser erbat in St. Petersburg Schutzzusagen Russlands für Serbien, da dieses nicht auf die Forderungen Wiens eingehen könne.
Pasic kam am 24. Juli nach Belgrad zurück, berief den Ministerrat ein und ließ verlauten, die Antwort termingerecht zu übergeben „unter Bezeichnung der annehmbaren und unannehmbaren Punkte“. Sollte ein Krieg unvermeidlich sein, würde man kämpfen. Er bat alle Mächte, die Unabhängigkeit Serbiens zu schützen.
Zugleich bereitete sich die Regierung auf einen Krieg vor. So wurden alle Eisenbahnen des Landes unter Militärverwaltung gestellt und die Brücke über die Save zwischen Belgrad und Semlin (heute Zemun) zu unterminieren. Die Belgrader Garnison erhielt Bereitschaftsbefehl, beurlaubte Offiziere wurden zurückbeordert. Im Ausland wurden diese Maßnahmen vereinzelt als Mobilisierung missgedeutet.
Die serbische Öffentlichkeit erfuhr am Vormittag des 24. Juli vom Wiener Ultimatum. Die zuerst gezeigte Bestürzung wich der Kampfbereitschaft. Nationalistisch gesinnte Offiziere planten schon einen Putsch, sollte die Regierung den Forderungen nachgeben.
Am 25. Juli tagte der serbische Ministerrat wieder in Anwesenheit des Regenten, Kronprinz Alexander. Dabei wurde bis zur letzten Minute an der Antwort auf das Ultimatum gefeilt, die dann im Außenministerium ins Französische übersetzt wurde. Auch wurden bereits Vorbereitungen für eine Verlegung der Regierung aus Belgrad getroffen.
Am Nachmittag des 25. Juli trafen aufmunternde Nachrichten aus St. Petersburg in Belgrad ein: Serbien solle hart bleiben, Russland stehe hinter ihm. Die Außenminister der Entente-Regierungen zeigten sich besorgt über die Spannungen Wien-Belgrad, sie empfahlen eine weitgehende Nachgiebigkeit Belgrads, nicht aber die Annahme solcher Forderungen, die eine Preisgabe der Souveränität Serbiens bedeuten würden.
Aufgund der Nachrichten aus St. Petersburg wurde in Belgrad beschlossen, sich auf militärischen Widerstand vorzubereiten. Um 15 Uhr gab Regent Alexander den Mobilisierungsbefehl aus, die Regierung beschloss die Verlegung ihres Sitzes nach Nis südöstlich der Hauptstadt.
Fünf Minuten vor Ablauf der auf 18 Uhr festgesetzten Frist überbrachte Ministerpräsident Pasic persönlich die in französischer Sprache abgefasste Antwort auf die ultimativen Forderungen in die Gesandschaft. Auf die Frage nach dem Inhalt antwortete Pasic dem österreichischen Gesandten Giesl: „Einen Teil Ihrer Forderungen haben wir angenommen. Für den Rest hoffen wir auf die Loyalität und Ritterlichkeit des österreichischen Generals.“
Knackpunkt waren die Punkte 5 und 6 des Ultimatums, in denen Wien die Mitwirkung von k. u k. Organen an den Untersuchungen zum Attentat forderte. Belgrad sprach diesbezüglich von einer „Verletzung der Verfassung und der serbischen Strafgesetze“.
Giesl fand die Antwortnote unbefriedigend und erklärte die diplomatischen Beziehungen zwischen Wien und Belgrad für abgebrochen. Er und das Gesandtschaftspersonal fuhren mit dem planmäßigen Zug um 18.30 Uhr von Belgrad ab. Noch in der gleichen Nacht erfolgten die Verlegung des Regierungssitzes und der in Belgrad akkreditierten Diplomaten nach Nis. Die Armee bereitete sich auf bewaffneten Widerstand vor, wobei man ein zeitgleiches Eingreifen Russlands erhoffte.
Giesl traf in Budapest kurz mit Ministerpräsident Tisza zusammen und fuhr dann nach Wien weiter, wo am 26. Juli dem Außenminister und am 27. Juli in Bad Ischl dem Kaiser Bericht erstattet wurde. Am selben Tag erbat Berchtold vom Kaiser die Unterzeichnung der Kriegserklärung an Serbien, die mit Wirkung vom 28. Juli in Kraft trat.
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