1914/2014 - Julikrise: Wien löste Springflut an Kriegserklärungen aus
Wien (APA) - Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg - es war die erste einer Reihe gegenseitiger Kriegserklärungen...
Wien (APA) - Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg - es war die erste einer Reihe gegenseitiger Kriegserklärungen der europäischen Mächte. Die danach ausgebrochenen Kämpfe resultierten in einem Weltkrieg, der zum Zusammenbruch der mittel- und osteuropäischen Kaiserreiche führte und letztlich die politische und militärische Vormacht Europas in der Welt erschütterte.
„Da die königlich-serbische Regierung nicht in befriedigender Weise auf die Note geantwortet hat, die ihr seitens des österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 überreicht worden war (Ultimatum mit zwei die Souveränität Serbiens verletzenden Punkten, Anm.) sieht sich die K. u. K. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, ihre Rechte und Interessen selbst zu wahren und zu diesem Zwecke an die Entscheidung der Waffen zu appellieren. (...) Österreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem Augenblick an als im Kriegszustand mit Serbien stehend“, heißt es in der Kriegserklärung. Sie war aufgrund des am 25. Juli erfolgten Abbruches der gegenseitigen diplomatischen Beziehungen in Form eines in französischer Sprache gehaltenen Telegrammes über Bukarest der serbischen Regierung übermittelt worden.
So wie die Ablehnung des Ultimatums erwartet worden war, hatte Wien auch die weitere Vorgangsweise für diesen Fall schon im Voraus festgelegt. Österreich-Ungarn wollte sofort handeln, um die Einmischung anderer Mächte zu bannen. Die Welt sollte nach Wiener und Berliner Ansicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Schon am Tag des Abbruches der diplomatischen Beziehungen mit Belgrad unterschrieb Kaiser Franz Joseph die Weisung zur Mobilisierung für den Kriegsfall B(alkan). Betroffen waren acht Armeekorps mit dem Sitz in Prag, Leitmeritz (Litomerice), Graz, Agram (Zagreb), Budapest, Temesvar und die beiden in Bosnien stationierten Armeekorps. Außenminister Leopold Berchtold forderte den serbischen Gesandten in Wien, Jovan Jovanovic, auf, mit dem gesamten Gesandschaftspersonal Wien zu verlassen.
Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf hatte sich zuvor für einen unverzüglichen Überraschungsangriff auf Serbien eingesetzt, um den Großmächten keine Zeit zu lassen. Er glaubte, dass Serbien in einigen Wochen besiegt werden könnte. „Plan B“ - ein Angriffskrieg gegen Serbien und Montenegro - sah eine viertägige Mobilisierung vor.
Sollte Russland vor Ablauf dieser Frist in den Krieg eintreten, würde „Plan B-R“ für einen Zwei-Fronten-Krieg mit Serbien und Russland in Kraft treten. Österreich-Ungarn müsste damit einen Teil der nach Süden in Marsch gesetzten Truppen in den Norden umdirigieren.
Conrad ging davon aus, dass Russland wegen der langsamen Mobilisierung frühestens in sechs Wochen angreifen würde. Er hoffte darauf, Serbien rasch niederzuringen und die so freiwerdenden Kräfte dann gegen Russland einzusetzen. Allerdings unterschätzte die militärische Führung der Monarchie die Stärke des zu gewärtigenden serbischen Widerstandes, den man mit sechs Korps in vier Wochen brechen wollte.
Berlin wollte ein rasches Vorgehen gegen Serbien, um den Vermittlungsvorschlag des britischen Außenministers Sir Edward Grey für eine Vier-Mächte-Konferenz vom 24. Juli durch vollendete Tatsachen zu überschneiden. Ein schneller Schlag Österreich-Ungarns sollte ein Eingreifen Russlands vereiteln.
Russland hatte aber deutlich gemacht, dass es bei einem militärischen Vorgehen Österreichs gegen Serbien „nicht abseits stehen würde“.Großbritannien gab Berlin zu verstehen, es läge an Deutschland, Österreich-Ungarn von einer „tollen“ Politik abzuhalten. In diesem Fall würden die Entente-Partner mäßigend auf St. Petersburg einwirken, verlautete aus Berlin und Paris. Aber schon Tage zuvor hatte Russland im ganzen Reich mit den Mobilisierungsvorbereitungen begonnen. Ähnliche Vorbereitungen waren seit 26. Juli auch in Frankreich im Gang. In Großbritannien wurde mit der Konzentration der Ersten und der Zweiten Flotte begonnen. Weder in Wien, noch in Berlin, St. Petersburg oder Paris wollte man einen Schritt zurückmachen.
Am 27. Juli legte Außenminister Leopold Berchtold dem Kaiser die Kriegserklärung vor. Diese enthielt auch eine Meldung über den Beschuss von k. u. k.-Truppen durch serbische Soldaten bei Temes Kubin (dem heutigen Kovin), die sich aber später als Falschmeldung herausstellte. Berchtold strich diese Passage aus der vom Kaiser bereits unterzeichneten Kriegserklärung heraus.
Der russische Botschafter in Wien, Nikolai Schebenko, versuchte zu diesem Zeitpunkt noch, den Krieg abzuwenden. Er rief Wien zu größter Zurückhaltung gegenüber Serbien auf und versprach Einwirken auf seinen Verbündeten, auf jede Gewaltanwendung zu verzichten. Außerdem würden sich die serbischen Truppen bei einem österreichischen Vormarsch zurückziehen. Von österreichischer Seite wurde daraufhin auf das angebliche Gefecht bei Temes Kubin verwiesen.
Dieses nicht stattgefundene Gefecht spielte weiterhin eine Rolle bei diplomatischen Interventionen. Kaiser Franz Joseph warb in einem Telegramm an den rumänischen König Carol am 28. Juli um Verständnis für die Position Wiens, zumal Serbien „auch ohne vorhergegangene Kriegserklärung ein Gefecht provoziert habe“. In ähnlicher Weise wurde auch der britische Botschafter in Wien, Sir Maurice Bunsen, von Außenminister Berchtold informiert. Diesem wurde gesagt, alle Bemühungen zur Kriegsverhinderung kämen zu spät, „da am Vortag serbischerseits auf k.u.k. Grenzsoldaten geschossen worden sei“.
Der greise Kaiser begleitete die Kriegserklärung mit einem Manifest „An meine Völker“, in dem er seine Entscheidung begründet. Der mit 28. Juli datierte Text war schon parallel zum Ultimatum an Serbien angefertigt worden. Es gab dann noch vier Änderungen, je zwei auf Wunsch des ungarischen Ministerpräsidenten Istvan Tisza und des Kaisers selbst. Gegen Schluss hieß es in dem Manifest „Ich habe alles geprüft und erwogen“.
Großbritannien versuchte trotzdem noch, den Krieg zu verhindern. So schlug Außenminister Grey vor, dass Österreich-Ungarn die serbische Hauptstadt Belgrad als „Faustpfand“ nehmen sollte, um aus einer Position der Stärke heraus mit dem Land zu verhandeln. Der Vorschlag fand in Berlin eine halbherzige Unterstützung durch Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg. Dieser war auch wegen der kritischen Haltung der oppositionellen Sozialdemokraten an einem Aufschub des Krieges interessiert. In letzter Sekunde, so schien es, wollte Berlin das zuvor zögerliche Wien noch bremsen, doch der Krieg war bereits erklärt.
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