Prozess um Geldtransporter-Überfall in Wien: Sie nannte ihn „Engel“ 1

Wien (APA) - In einem bis auf den letzten Platz besetzten Schwurgerichtssaal - die Verhandlung war infolge des regen Interesses kurzfristig ...

Wien (APA) - In einem bis auf den letzten Platz besetzten Schwurgerichtssaal - die Verhandlung war infolge des regen Interesses kurzfristig verlegt worden - ist am Dienstag im Wiener Straflandesgericht der Prozess gegen zwei Räuber eröffnet worden, die in der Nacht auf den 23. Dezember 2013 einen Geldtransporter in Wien-Alsergrund überfallen hatten.

Die Beute von nicht weniger als 3,047 Millionen Euro sollte angeblich für karitative Zwecke verwendet werden. Der Hauptangeklagte und mutmaßliche Drahtzieher, Gabriel E. (49), Ex-Polizist bei der WEGA, wollte damit seinen Angaben zufolge ein Kinderdorf für Halbwaisen und Waisen in Gabun aufbauen. Seine Komplizin, eine ehemalige Angestellte bei der Firma „Loomis“, welche die Befüllung der Bankomaten mit Bargeld abwickelt, sollte mit an Bord sein.

Die 35-jährige Tamara S. hatte sich von dem Mann zum Mitmachen überreden lassen. Sie wollte in Afrika ein neues Leben beginnen. Dass dies auf einer Straftat fußte, störte sie offenbar wenig. Das geplante Kinderhilfsprojekt „ist für mich eine gute Sache gewesen“, sagte sie in ihrer Einvernahme. Sie habe Gabriel E. „zu tausend Prozent vertraut“. Ihr Verteidiger Klaus Ainedter verwies darauf, dass die Frau den C-Führerschein nachgemacht, einen Englisch-Kurs absolviert und eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin begonnen hätte, um für den Neubeginn in Afrika gerüstet zu sein.

„Ich habe mich damals in einem tiefen Loch befunden“, erklärte die 35-Jährige dem Schöffensenat (Vorsitz: Claudia Zöllner). Sie habe eine Beziehung mit einem verheirateten Mann, einem Kollegen, hinter sich gehabt und in Folge dessen auch ihren Job verloren. Mit Gabriel E. habe sie alles besprechen können: „Er ist nur da gewesen und es ist mir besser gegangen. Er war für mich wie ein Engel. Ich hab‘ ihm mein Leben anvertraut. Ich hab‘ gewusst, dass mir nichts passieren kann.“

Der Mann hatte nach einer Schussverletzung den Polizeidienst quittiert und eine Sicherheitsfirma gegründet. Unter anderem wurde er von „Loomis“ als externer Sicherheitsberater beschäftigt, um firmeninterne Diebstähle aufzuklären. Bei einem Auftrag in Afrika sah er das Leid der Bevölkerung und beschloss, dagegen etwas zu tun. Tamara S. war ihm dabei eine große Hilfe. Als Ex-“Loomis“-Mitarbeiterin kannte sie die Sicherheitssysteme und konnte sich nach dem Ausscheiden aus der Firma die Fahrrouten der Geldtransporter besorgen, indem sie einfach weiter auf das Firmengelände marschierte.

Ihr Zutrittscode war weiter gültig, und wie die Frau dem Gericht darlegte, stieg sie regelmäßig bei „Loomis“ ein, eignete sich die aktuellen Fahrtrouten an und kopierte diese in einem nahe gelegenen Laden. Dann legte sie diese wieder zurück, wobei Gabriel E. Schmiere stand und sicherstellte, dass sie nicht beobachtet wurde.

Laut Anklage passten die beiden, die privat nicht liiert waren, am Tag vor Weihnachten auf der Nußdorfer Straße gezielt einen Transporter ab. Tamara S. kannte die Beifahrerin persönlich und wusste, dass diese nicht bewaffnet war. Sie bedrohten den Fahrer und die Beifahrerin mit einer Pistole und einer Softgun, als diese den in einem nicht videoüberwachten Lager eines Installations-Betriebes eingerichteten Bankomaten auffüllen wollten. Sie fesselten die Angestellten, stülpten ihnen Wollhauben übers Gesicht und zwangen sie, sich hinzulegen, um sich die Koffer mit den Banknoten anzueignen.