Spieglein, Spieglein: Belvedere widmet sich der „anderen Seite“

Wien (APA) - Laut einer britischen Studie blicken Frauen 71 Mal, Männer immerhin 66 Mal pro Tag in den Spiegel. Im Unteren Belvedere ist die...

Wien (APA) - Laut einer britischen Studie blicken Frauen 71 Mal, Männer immerhin 66 Mal pro Tag in den Spiegel. Im Unteren Belvedere ist die Chance, sich mit seinem Spiegelbild zu konfrontieren, dieser Tage dagegen ungleich höher. Unter dem Titel „Die andere Seite“ sind ab morgen, Mittwoch, 80 zeitgenössische Kunstwerke zu erleben, die den Spiegel und Spiegelungen im wahrsten Sinne in den Blickpunkt rücken.

„Der Spiegel ist mehr als nur Material“, erläuterte der frühere mumok-Direktor Edelbert Köb, „er ist auch Medium.“ Köb, der die bis 12. Oktober angesetzte Ausstellung gemeinsam mit dem ehemaligen Chefkurator der Kunsthalle Wien, Thomas Mießgang, zusammengestellt hat, hat schon früh begonnen, Spiegelarbeiten zu sammeln. In den vergangenen Jahren habe man aber einen richtigen Boom bemerken können.

Da das Thema auch kunstgeschichtlich so umfassend sei, konzentrierte man sich bei der Auswahl der Werke auf die vergangenen 50 Jahre, erklärte Mießgang. Er ist nicht zuletzt für die popkulturellen Elemente verantwortlich und steuerte unter anderem Filmausschnitte von Jean Cocteau („Orphee“) und Martin Scorsese („Taxi Driver“ in der Bearbeitung von Douglas Gordon) bei.

Robert De Niro, der in „Taxi Driver“ vor dem Spiegel im Selbstgespräch seinen Straßenkämpfergestus übt („Are you talkin‘ to me?“), fungiert in der Orangerie als Präludium zu den Ensembles in den weiteren drei Räumen. Die Szene ist auf zwei gegenüberliegenden Leinwänden geloopt und leicht zeitversetzt zu sehen, gleichsam ein Bild für die sozialpolitische Relevanz und die Konstruktion eines neuen Ich über den Spiegel.

Einige Arbeiten, wie etwa eine starke Footage-Montage von Norbert Pfaffenbichler oder eine zerdrückte Spiegelskulptur von Hans Kupelwieser im Kammergarten, entstanden sogar im Auftrag eigens für die Schau, während für Köb natürlich auch der „Ahnherr der Spiegelkunst“, Michelangelo Pistoletto, mit seinen Klassikern - wie einer Etrusker-Statue vor einem Spiegel oder einem Spiegelbett - nicht fehlen durfte.

Während im ersten Raum der Spiegel als Medium zur Selbstwahrnehmung dient (etwa bei Birgit Jürgenssen, Elke Krystufek, Friedl Kubelka und Heimo Zobernig), dient der zweite Raum mehr als Tor in ein Paralleluniversum (wie bei „Alice hinter den Spiegeln“). Der dritte Raum mit glitzernden Totenköpfen und Discokugeln ist schließlich der Eitelkeit und der Vergänglichkeit gewidmet.

„Die andere Seite“ ist spielerisch und doch seriös, verdichtet Wahrnehmungserlebnisse ebenso wie metaphorische Prozesse, verweist auf den Symbolgehalt der Spiegelkunst ebenso wie auf visuelle Zusammenhänge, ohne dass es schlicht zur Reizüberflutung oder Überforderung kommt. Eine intelligente Auseinandersetzung mit einem Motiv in der Kunst, das sich eine weitergehende Betrachtung verdient hätte.

(S E R V I C E - „Die andere Seite - Spiegel und Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst“, 18. Juni bis 12. Oktober, im Unteren Belvedere (Orangerie, Prunkräume und Kammergarten), Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien - Katalog hg. von Agnes Husslein-Arco, Edelbert Köb, Thomas Mießgang, 176 Seiten - Infos unter www.belvedere.at)

(B I L D A V I S O - Bilder stehen unter www.belvedere.at/presse kostenlos zum Download zur Verfügung.)