Politisch wird Assad durch die ISIS-Erfolge im Irak gestärkt

Bagdad/Damaskus (APA/AFP) - Aus den militärischen Erfolgen der Islamisten im Nachbarland Irak kann Syriens Staatschef Bashar al-Assad enorm ...

Bagdad/Damaskus (APA/AFP) - Aus den militärischen Erfolgen der Islamisten im Nachbarland Irak kann Syriens Staatschef Bashar al-Assad enorm Kapital schlagen. Laut Experten ist der Westen gezwungen, seine Haltung zu Assad zu überdenken - denn die Stabilität der gesamten Region ist durch den Vormarsch der ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien) gefährdet, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Kalifats ist.

„Für Präsident Bashar al-Assad ist geopolitisch eine exzellente Lage eingetreten, weil sich Washington und London nun angesichts der Bedrohungen für die Region und den Westen auf der gleichen Seite wie Damaskus wiederfinden“, sagt der französische Historiker Frederic Pichon, Autor des Buches „Syrien: Warum der Westen irrte“.

Und Bassam Abu Abdallah, Direktor des regierungsnahen Zentrums für Strategische Studien in der syrischen Hauptstadt, sagt voraus: „Die westlichen Länder werden bald ihre Haltung zu Assad ändern, weil Sicherheit und Stabilität der Region unmittelbar bedroht sind.“ Die Entwicklung im Irak stütze die Position der syrischen Regierung, „die immer wieder eine internationale Zusammenarbeit gegen die Jihadisten gefordert hat, zumal in deren Reihen Europäer und Amerikaner kämpfen“, fügt er hinzu.

Firas Abi Ali, Nahostexperte beim Londoner Beratungsunternehmen IHS, das auf Risikobewertung spezialisiert ist, sieht für Assad aber auch gefährliche Entwicklungen: Da sich die irakische Armee aus den Grenzprovinzen angesichts des Vormarschs der Jihadisten zurückgezogen habe, seien wichtige Versorgungswege für das syrische Regierungslager unterbrochen.

„Und falls sich die vielen Schiiten aus dem Irak, die als Freiwillige für Assad in Syrien kämpfen, dazu entschließen, lieber Bagdad zu verteidigen, wird dies das Kräfteverhältnis stark beeinflussen“, fügt Abi Ali hinzu. Die Zahl der irakischen Schiiten, welche die syrischen Truppen in und um Damaskus unterstützen, wird auf mehrere tausend geschätzt.

Zugleich werden die in Syrien aktiven ISIS-Gruppen durch die Siege ihrer Organisation im Irak militärisch und finanziell deutlich gestärkt. In ihren Hochburgen im Norden und Osten Syriens waren diese Jihadisten in jüngster Zeit vor allem in Kämpfe mit anderen Assad-Gegnern verwickelt. Sie rivalisieren um die Geländekontrolle mit gemäßigten Rebellen und der Al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Der „Bruderkampf“ mit mittlerweile 6.000 Todesopfern war Anfang des Jahres entflammt.

„Die Eroberung Mossuls stärkt global und in Syrien das Prestige der ISIS in den einschlägigen Kreisen“, sagt Romain Callet, ein Experte für radikalen Islamismus in der arabischen Welt. Da sie ihre Eroberungen im Irak ohne ausländische Hilfe, gestützt auf lokale Stammesführer erreichten, „werden einige in Syrien denken, dass sie auch dort große Städte erobern könnten, was den Aufständischen trotz aller Auslandshilfe dagegen auf Dauer nicht gelungen ist“, erläutert Callet.

Die jüngsten Erfolge der ISIS-Kämpfer im Irak bedeuteten zwar keine grundlegende Wende in Syrien, sagt Charles Lister, Konfliktforscher am Brookings Institut in Doha. „Aber schon jetzt hat die Gruppe viele im Irak erbeutete Waffen und frische Rekruten nach Syrien schicken können. Damit kann sie nun Gegenangriffe in der Provinz Deir al-Zor starten und weiter westlich in Richtung Aleppo marschieren.“ Auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet, dass bereits große Mengen von im Irak erbeuteten Waffen bei Al-Haul über die Grenze transportiert werden.