Anschlag auf die Lebensfreude - Nigerias Fußballfans leben in Angst

Kano (APA/dpa) - In Nigeria fühlt sich derzeit niemand mehr sicher. Terroristen der Boko Haram verüben Anschläge, wann und wo sie wollen. Di...

Kano (APA/dpa) - In Nigeria fühlt sich derzeit niemand mehr sicher. Terroristen der Boko Haram verüben Anschläge, wann und wo sie wollen. Die Fußball-WM gibt ihr neuen Anlass. Denn Fußball gilt ihr als unislamisch. Statt Lebensfreude regiert die Angst.

Warnungen gab es genug. Immer wieder hatten die Behörden in Nigeria von Anschlägen bei Public Viewings gesprochen. Zwei Bundesstaaten - Adamawa und Plateau - entschlossen sich im Vorfeld schweren Herzens, öffentliche Übertragungen während der Fußball-WM in Brasilien gänzlich zu verbieten. Im Bundesstaat Yobe galt das Verbot nicht. Prompt richteten Terroristen dort kurz nach dem Anpfiff des Spiels Brasilien-Mexiko ein Blutbad unter Fußballfans in Damaturu an.

Der Anführer der Terrorgruppe Boko Haram, Abubakar Shekau, hatte sich mehrmals in Videos strikt gegen jeden westlichen Lebenswandel ausgesprochen. Dabei hatte er Fußball und Musik als „westliche Verschwörung“ bezeichnet, die Muslime von ihrer Religion ablenken sollten. Deshalb gilt es als sicher, dass die Boko Haram die Bombe in Damaturu gelegt hat.

Afrikaner sind traditionell fußballverrückt - egal ob Muslime oder Christen, egal ob in Kenia, Südafrika oder Marokko. In Nigeria herrscht ein regelrechtes WM-Fieber, da das Nationalteam - die „Super Eagels“ - selbst an dem Turnier teilnimmt.

Ein Sprecher der Regionalregierung von Adamawa hatte betont, dass auch Verbote die Fans kaum davon abhalten würden, die wichtigen Spiele in öffentlichen Lokalen zu verfolgen. „Vor allem in den abgelegenden Regionen Nigerias gibt es sonst kaum Freizeitaktivitäten - und die häufigen Stromausfälle machen es vielen unmöglich, die Partien in ihren Häusern zu verfolgen“, hieß es.

In den größeren Städten hingegen wollen viele nichts riskieren. „Niemand möchte wegen der WM sein Leben aufs Spiel setzen“, sagte Modestus Chukwu vor wenigen Tagen in der Hauptstadt Abuja. Menschenansammlungen seien Orte unberechenbarer Gefahr. „Ich bleibe jetzt lieber zu Hause und schaue das Turnier mit meiner Familie. Aber mir fehlen die Stimmung und die Begeisterung anderer Fans“, erklärte Ahmed Bamali aus Kano.

Es gilt als wahrscheinlich, dass weitere Bundesstaaten nun ebenfalls öffentliche Fußballübertragungen verbieten werden - sehr zur Enttäuschung der Betreiber: „Ich habe viel in mein Zentrum hier investiert, habe neue große Fernseher und Stühle gekauft“, sagte Edwin Uchenna im nördlichen Sabon Gari. „Bisher sind die Leute gekommen, aber nach der Bombe in Damaturu werden sie jetzt wohl wegbleiben.“

Der ständige Terror hat bereits seit einiger Zeit dazu geführt, dass immer mehr Menschen aus Angst vor Attentaten Restaurants und Lokale mit Alkoholausschank meiden. Stattdessen treffen sie sich privat zu einem Bier oder einem Glas Wein bei Freunden.

Sicher ist: Die Boko Haram hat das Leben in Nigeria mittlerweile im Griff. Die Taktik der ständigen Bedrohung zeigt die gewünschte Wirkung. Seit Jahresbeginn schlagen die Extremisten fast täglich irgendwo zu, fallen in Dörfer ein und legen Bomben. Vor sieben Wochen verschleppten sie aus dem Dorf Chibok über 200 Schülerinnen. Es scheint erstaunlich, dass diese trotz intensiver Suche des Militärs bislang nicht aufgespürt werden konnten.

Die Boko Haram will Aufmerksamkeit, sie will ihre Macht beweisen. Und Anschläge bei einem weltweit verfolgten Ereignis wie der Fußball-WM lassen sich die Mitglieder nicht entgehen. Immer spektakulärer zeigt die Gruppe, wozu sie fähig ist - und immer schwächer und hilfloser wirkt die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan. Wenn die nicht bald zu einer erfolgversprechenden Offensive übergeht, könnte Nigeria unter den Bomben der Islamisten in die Knie gehen.