Hand in Hand mit Marina Abramovic: „512 Hours“ in London
London (APA) - Eine Woche nach Eröffnung ist die Schlange vor der Londoner Serpentine Gallery unverändert lang. Kurz nach 10 Uhr morgens wur...
London (APA) - Eine Woche nach Eröffnung ist die Schlange vor der Londoner Serpentine Gallery unverändert lang. Kurz nach 10 Uhr morgens wurden die ersten 160 Besucher hinein gebeten, weitere 50 bleiben in Reih und Glied auf dem Kiesweg übrig, der sich durch die Kensington Gardens schlängelt. Geduld ist hier das Mindeste, nimmt sich Marina Abramovic doch drei Monate bzw. „512 Hours“ lang Zeit für ihr Publikum.
Noch bis 25. August lädt die in Belgrad geborene, international renommierte Künstlerin zu ihrer Dauerperformance im intimen Rahmen, sechs Tage die Woche, acht Stunden täglich. 512 Stunden insgesamt. „Ich habe 25 Jahre dafür gebraucht, den Mut, die Konzentration und das Wissen für das hier zu sammeln“, liest man von Abramovic, die sich seit den 70er-Jahren in ihrem Schaffen mit Ausdauer sowie der Beziehung vom Künstler zum Publikum beschäftigt, an der Wand vor Eintreten der Räume. „Ich hatte nur diese Vision, die Idee, Kunst ohne Objekt sondern nur zwischen dem Künstler und dem Publikum zu schaffen.“ Alle bisherigen Arbeiten hätten sie „hierher geführt“.
Anders als bei ihrer umjubelten, aufsehenerregenden Performance „The artist is present“ im New Yorker Museum of Modern Art gibt es bei ihrer ersten umfassenden Schau in Großbritannien keine klare Struktur, keine Regeln. Begann es mit leeren Räumen, gibt es mittlerweile wenige Requisiten wie Stühle und Feldbetten. Nur eine Anweisung hat die 67-Jährige an ihre Besucher: Man solle im mehrfachen Sinne „befreit“ zu ihr kommen, sich ganz auf den zeitlosen Raum einlassen - sämtliche Gegenstände, allen voran Handys und Uhren, sind im Vorraum in kleinen Schließfächern abzugeben.
Haben sich 2010 mehr als 1.500 Zuseher in New York der Ikone schweigend gegenüber gesetzt und so einen intimen Moment mit ihr verbracht, ist es in den drei kleinen, wenn auch hohen Räumen der Serpentine Gallery die Künstlerin selbst, die auserwählt: Immer wieder nimmt sie Menschen an der Hand, flüstert ihnen für andere unhörbar etwas zu, führt sie langsam und behutsam in einen anderen Raum. Hier legt sie sie auf ein Bett, deckt sie zu, setzt ihnen Kopfhörer auf, die sämtliche Geräusche absorbieren. Oder sie platziert sie auf einem Stuhl, führt sie an eine Wand, lässt sie mitten im Raum stehen, sagt ihnen, sie sollen sich entspannen.
Die größten Skeptiker in all dem Treiben nimmt Abramovic zuerst wahr. Wenn Menschen nach erfolgreich überstandener Wartezeit erst schwungvoll die Galerie betreten, dann aber rasch ihren Schritt verlangsamen und ungläubig in den Raum blicken, begrüßt die Künstlerin wie alte Freunde, lächelt vertrauenswürdig, nimmt ihre Hand. Vielleicht sind sie danach überzeugt, vielleicht werden sie die Galerie umso schneller wieder verlassen. Sie sind in diesem Zeitfenster jedenfalls in der Unterzahl und daran erkennbar, dass sie sich früh in die Ecke flüchten oder sich an den Rand setzen. Manche kichern verlegen, manche schauen verstört.
Verstört ob des Anblicks von Menschen, die sich tatsächlich hingegeben - wem oder was auch immer, einem zeitlosen Raum, der Aura Abramovic‘, sich selbst. Ein Großteil des Publikums wirkt ergriffen. Dankbar nehmen viele die Handspiegel von jungen, ganz in Schwarz gekleideten Assistenten entgegen, bewegen sich nach Anweisung mit diesen rückwärts durch die Räume. Andere lassen sich führen, oder nehmen aktiv Leute an die Hand. Eine junge Frau steht eine ganze Stunde lang regungslos mit geschlossenen Augen auf einer Erhebung in der Mitte des Raums, eine andere weint, als Abramovic‘ Assistentin ihr die Hand schützend auf den Rücken hält.
„Wie umherirrende Seelen, die nicht wissen, was sie hier tun, aber sich trotzdem sicher fühlen“ bezeichnet ein älterer Mann das Gesehene nach Verlassen der Galerie. Mit Kunst habe das nicht mehr viel zu tun, sagen Kritiker. Am sechsten von 64 Tagen scheinen die Menschen jedenfalls trotz der angeblich grenzenlosen Freiheit zurückhaltend: In den Räumen herrscht Stille, geradezu Andacht, aus dem Rahmen fällt keiner - als gäbe es sie doch, die ungeschriebenen Regeln. „Es gibt keine Strategie, keine Struktur“, zieht Abramovic am Ende dieses Tages in ihrem Video-Tagebuch Bilanz. Ein Moment, in dem sie einfach nur auf einem Stuhl saß, sei besonders speziell gewesen. „In diesem Moment hat jede einzelne Person in diesem Raum einfach nur gespürt, da zu sein“, sagt sie. „Das kann man nicht beschreiben, sondern muss es selbst erleben.“ Die Worte, die sie findet, während sie zu weinen beginnt: „Geteilte Schönheit“.
Man solle im dritten Monat wiederkommen, sagte Abramovic vergangene Woche der Presse. Dann könne man vielleicht erleben, wie festgefahrene Routine doch noch aufgebrochen wird. Auch eine Abramovic tritt übrigens kurzweilig aus und bedient sich mittags am Wasserspender im Vorraum - ihre Jünger dabei immer dicht auf ihren Fersen.
(S E R V I C E - „Marina Abramovic: 512 Hours“ bis 25. August in der Serpentine Gallery, Kensington Gardens, London. Freier Eintritt. www.serpentinegalleries.org)
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