Das große Pharma-Schlucken
Eine gigantische Fusionswelle überrollt zurzeit die Pharmabranche. Den Herstellern gelingt kaum noch ein Kassenschlager, auch auslaufende Patente drücken die Gewinne.
Von Beate Troger
Wien, Innsbruck –Kaum ein Name der großen Pharmahersteller fehlt im aktuellen Fusionsreigen. US-Riese Pfizer buhlt mit 117 Mrd. US-Dollar (ca. 85 Mrd. Euro) um die Übernahme des britischen Mitbewerbers AstraZeneca, Novartis gab erst vor wenigen Wochen ein milliardenschweres Tauschgeschäft mit GlaxoSmithKline bekannt, und um die Rezeptfrei-Sparte des US-Riesen Merck & Co. matchte sich neben Bayer das gesamte Who-is-Who der Pharmariesen. Auch viele andere Hersteller haben Appetit auf Übernahmen, die Fusionswelle rollt über den gesamten Globus. Laut Berechnungen der Finanznachrichtenagentur Bloomberg wurden allein im ersten Quartal 2014 Kooperationen und Übernahmen in Höhe von 127 Mrd. Dollar (ca. 92 Mrd. Euro) besiegelt.
Der Druck auf die einzelnen Hersteller ist riesig. Die Sparpakete in vielen europäischen Staaten und auch in den USA schlugen stark auf das Gesundheitswesen und haben die Gewinne der Pharmariesen in den vergangenen Jahren stetig schrumpfen lassen. Rezeptpflichtige Medikamente bringen kaum noch Erträge. Die Expansion in Schwellenländer bietet zwar Wachstumschancen, doch wegen des niedrigen Preisniveaus fallen die Gewinnmargen wesentlich geringer aus.
Gleichzeitig sind die Patente zahlreicher großer Kassenschlager zuletzt abgelaufen und die Entwicklung neuer Präparate lässt auf sich warten. Laut Jan Huber, Generalsekretär der Pharmig als Dachverband der pharmazeutischen Industrie in Österreich, spiele die so genannte Patentlücke nur eine untergeordnete Rolle. „Es ist kein Problem, sondern ein Faktum“, sagt er im TT-Interview. „Jedes Unternehmen weiß von vornherein, dass das Patent eines Medikamentes an Tag X ausläuft.“ Zudem betreiben zahlreiche große Hersteller wie Novartis eigene große Generika-Sparten, damit die Konkurrenz durch die Nachahmer-Präparate im eigenen Haus bleiben könne.
Dennoch sei Wachstum in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, sagt auch Branchenkenner Huber. „Die Zeit der großen Blockbuster, die mehr als eine Milliarde Euro Umsatz bringen, ist vorbei“, erklärt er. Die Hersteller müssten sich immer stärker spezialisieren und stecken Millionen in die Entwicklung von hochkomplexen Medikamenten, etwa im Bereich der personalisierten Medizin oder gegen seltene Krankheiten. Zuletzt ist keinem großen Hersteller mehr ein großer Wurf gelungen, es waren vor allem kleine Unternehmen, die in Nischen für einen Durchbruch gesorgt hatten. Doch wenn die klinischen Studien neuer Produkte die hohen Erwartungen nicht erfüllen, löst sich viel Geld in Luft auf. „Am Ende des Tages müssen alle Hersteller wirtschaftlich arbeiten und hohe Entwicklungskosten über einen fairen Preis wieder eingenommen werden“, erklärt Pharmig-Boss Huber.
Allianzen von Mitbewerbern seien in der aktuellen Niedrigzinsphase attraktiv: „Weil Geld derzeit billig ist, motiviert das die Unternehmen zu strategischem Wachstum“, erklärt er. Zudem sind die Kassen der Pharmahersteller prall gefüllt, denn während der Finanzkrise haben die Konzerne ihr Geld gehortet. So sitzt etwa der Viagra-Hersteller Pfizer auf Barreserven in Höhe von 70 Mrd. Dollar allein außerhalb der USA, im Fall einer Rückführung würden hohe Steuern anfallen. Also schielt Pfizer auf den britischen Konkurrenten AstraZeneca, der aber die Angebote der US-Rivalen stets abgeschmettert hatte.
Laut einer Studie des Beratungsunternehmens EY zahlen unterm Strich die Patienten die Rechnung für die Fusionen. Denn durch den Spardruck bei den Herstellern selbst sind seit 2010 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den 20 größten Pharmakonzernen jährlich um 1,8 Prozent gesunken.
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