Deutsche Aufsicht zweifelt an Krisenanfälligkeit großer Versicherer

Bonn (APA/Reuters) - Die verschärfte Überwachung globaler Versicherungsriesen muss nach Ansicht der deutschen Finanzaufsicht mit anderen Mit...

Bonn (APA/Reuters) - Die verschärfte Überwachung globaler Versicherungsriesen muss nach Ansicht der deutschen Finanzaufsicht mit anderen Mitteln stattfinden als bei den weltweit größten Banken. Im Gegensatz zu den Banken gehe die Gefahr für das Finanzsystem hier weniger von einem großen Unternehmen aus als davon, dass viele Versicherer sich an den Finanzmärkten ähnlich verhielten.

„Dass ein einzelnes Unternehmen von sich aus zum Problem wird, dürfte die Ausnahme sein. Viel wahrscheinlicher ist es, dass ein Ansteckungsherd eine große Zahl von Unternehmen infiziert - und genau daraus sich die systemische Qualität des Risikos ergibt“, sagte der Chef der BaFin-Versicherungsaufsicht, Felix Hufeld, in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn.

Mit einer besseren Kapitalausstattung für die weltweit größten Versicherer ist es für Hufeld daher nicht getan. „Daraus muss man andere Schlüsse ziehen als etwa bei den Banken“, sagte er. Die Regulierung großer Versicherer stehe noch am Anfang: „Das ist ein junges Kind, das muss sich noch weiter entwickeln.“ Im Vordergrund stehe eine „präventive, intensivierte Aufsicht“, bei der die Versicherer etwa Krisenmanagement-Teams aufstellen und Sanierungspläne entwickeln müssen, um für einen Notfall gerüstet zu sein. In Deutschland arbeite die BaFin daran derzeit mit der Allianz, die als einzige unter die neun „global systemrelevanten Versicherer“ eingestuft wurde.

Hufeld ist skeptisch, ob die Bezeichnung für die Versicherer überhaupt passt: „Das Attribut ‚global‘ gilt in der Branche am ehesten für die Rückversicherer - die übrigen Versicherer sind eigentlich treffender als multi-lokale Player zu bezeichnen.“ Die Rückversicherer waren vom Finanzstabilitätsrat (FSB) bisher aber ausgeklammert worden, wenn es um Systemrelevanz ging. Die Entscheidung, ob auch Münchener Rück und Swiss Re in die Liste aufgenommen werden, soll im Spätsommer fallen.

In der Finanzkrise hatte nur ein großer Versicherer gerettet werden müssen: die amerikanische AIG. Ihr hatten Kreditausfallversicherungen (CDS) für komplexe Finanzprodukte das Genick gebrochen - also Finanzgeschäfte außerhalb der klassischen Versicherung. Ihr Ausfall bedrohte viele Banken und Investoren. Hufeld hofft, dass sich die Versicherer künftig durch Auflagen für ihre Kapitalausstattung von derartigen Ausflügen abhalten lassen. „Die Kapitalzuschläge sind nicht nur dazu da, die Sicherheit zu erhöhen, sondern sollen einen Anreiz schaffen, systemrelevante Aktivitäten abzutrennen.“ Denn dann müsse ein Versicherer von der Liste systemrelevanter Versicherer auch wieder herunterkommen können.

Die traditionelle Lebensversicherung mit lebenslangen Garantien indes wird unter dem Druck der niedrigen Zinsen bald zum Auslaufmodell, glaubt Hufeld. „Wir weisen stetig auf die Notwendigkeit eines breiteren Produktportfolios hin und ermutigen die Versicherer zu Innovationen.“ Bisher haben nur einige große Versicherer wie Allianz und Ergo Produkte auf den Markt gebracht, die auf die langfristigen Garantien verzichten und dafür etwas mehr Rendite bieten. Hufeld erwartet bald Nachahmer, wenn die neuen Produkte Anklang finden. „Die ersten Monate scheinen ganz ermutigend. Viele Unternehmen warten das noch ab - aber das wird eher Monate als Jahre dauern.“

Den mehr als 90 deutschen Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die versprochene Verzinsung auf Dauer zu zahlen, weil sie das Geld ihrer Kunden sicher nur noch zu niedrigen Zinsen neu anlegen können. „Die niedrigen Zinsen sind ein nationales Systemrisiko für die Versicherungsbranche“, sagte Hufeld. Wenn diese Phase länger anhalte, sei die Finanzstabilität in Gefahr.