Höhlenforscher gerettet - Arzt: „Er hat sich nicht aufgegeben“

Berchtesgaden (APA) - Der österreichische Anästhesist Jacob Krammer (40) hat den verletzten Höhlenforscher im Untersberg 48 Stunden lang auf...

Berchtesgaden (APA) - Der österreichische Anästhesist Jacob Krammer (40) hat den verletzten Höhlenforscher im Untersberg 48 Stunden lang auf dem Weg von Biwak drei zu Biwak eins begleitet und medizinisch betreut. „Ich bin schwer beeindruckt von dem Patienten. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, und er hat die nötige psychische Konstitution mitgebracht“, sagte der Höhlenrettungsarzt am Donnerstag im APA-Gespräch.

„Ich würde sagen, wenn jemand nicht diese Voraussetzung hat wie er, hätte er das über diese lange Zeit in der Höhle nicht überstanden. Es war auch körperlich sehr anstrengend für den Patienten. Da muss man extrem resistent sein, man musste mit wenig Schlaf auskommen. Er hat sich nicht aufgegeben und war zuversichtlich. Er hat auch, soweit er es konnte, aktiv bei der Bergung mitgemacht“, erklärte der gebürtige Wiener, der seit 13 Jahren in Salzburg lebt. Doch körperlich durfte sich der Verletzte wegen seines Schädel-Hirn-Traumas nicht anstrengen, es hätte die Gefahr einer Steigerung des Hirndrucks bestanden.

Der Höhlenrettungsarzt trug einen Rucksack mit medizinischem Equipment bei sich, als er vergangenen Montag um 14.00 Uhr in die Riesending-Schachthöhle eingestiegen war. „Um 20.00 Uhr war ich beim Patienten.“ Krammer überprüfte während der Rettungsaktion die Flüssigkeit- und Energiezufuhr und auch die Ausscheidung und Schmerzsituation des Verletzten. Neben der Aufrechterhaltung der körperlichen Funktionen sei die psychische Betreuung des Schwerverletzten ein wesentlicher Bestandteil seines Einsatzes gewesen, sagte der Arzt.

Zwischen Biwak drei und Biwak habe es wenige Möglichkeiten für Ruhephasen gegeben, schilderte Krammer. Manchmal habe er mit dem Patienten in einer Art „Zelt ohne Boden“ für mehrere Stunden eine Pause einlegen können. „Gestern haben wir in einem ganzen Tag nur ein Wegstrecke von 150 Meter geschafft.“ Da sei es wichtig gewesen, dass die Kollegen nicht in Stress und einen „Stalldrang“ verfielen, sondern die Bergung weiterhin bedacht fortsetzten, auch wenn der Ausgang der Höhle näher rückte.

Mit der Zeit baute sich zwischen Krammer und dem verletzten Johann Westhauser eine persönliche Beziehung auf. Für den Verletzten sei es auch von Vorteil gewesen, dass er einige Retter persönlich gekannt hatte, meinte der Mediziner. „Er ist auf jeden Fall ein Vollprofi seines Fachs als Höhlenforscher und eine robuste, intelligente und liebenswerte Persönlichkeit. Ich wünsche ihm jetzt alles Gute. Er ist ein außergewöhnlicher Patient und auch die Leistung des internationalen Bergetrupps war außergewöhnlich.“

Die verabreichten Medikamente „waren mitverantwortlich, dass er das gut überstanden hat. Es war aber keine akute Intervention notwendig“, sagte Krammer. „In den 48 Stunden, die ich bei ihm war, hat er sich klinisch von seinen Symptomen her verbessert.“ Es sei durchaus möglich, dass dazu nicht nur die Medikamente, sondern auch eine gewisse Selbstheilungskraft und die psychische Konstitution des Patienten beigetragen haben, vermutete der Anästhesist, der im Salzburger Landeskrankenhaus arbeitet und auch als Notarzt für die Christophorus-Flugrettung des ÖTC im Einsatz ist.

Dass er selbst die 60 Stunden, die er in der Riesending-Schachthöhle verbrachte, so gut überstanden hat, rechnet Krammer seiner guten körperlichen und psychischen Konstitution zu, die er sich privat als Extremsportler beim Bergsteigen und Klettern angeeignet hatte. „Ich bin seit 1997 in Höhlen unterwegs und war auch schon in engeren Höhlen. Bergespezialist bin ich aber keiner. Ich habe aber mit der Höhlenrettung geübt.“

Vom Salzburger Höhlenrettungsdienst ist Krammer dann auch zum Einsatz in die Riesending-Schachthöhle gerufen worden. „Die Anforderungen im Untersberg hatten Expeditionscharakter. Man muss den Kopf freihaben für den Patienten, obwohl man in einer lebensbedrohlichen Umgebung ist. Jeder Tritt ist absturzgefährlich, es gibt keinen Schutz vor Steinschlag.“

Ohne Teamwork wäre ein solcher Einsatz nicht möglich gewesen, betonte der Anästhesist. Insgesamt sieben Ärzte hätten den Höhlenforscher betreut. Um nicht die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit zu überschreiten, hätten sie sich untereinander abgelöst. Darum habe er den Verletzten nicht bis zum Schluss begleitet. Krammer stieg gestern, Mittwoch, um 23.30 Uhr aus der Höhle. Nach ein paar Stunden Schlaf widmete er sich heute seinen beiden Kindern, fünf Jahre und acht Monate alt. „Wir waren Fußballspielen. Ich war froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Der Einsatz war von der Dimension her außergewöhnlich. Ich würde aber einen solchen Einsatz wieder machen. Das ist mein Job.“