Sunniten und Schiiten auf Konfrontationskurs
Bagdad (APA/Reuters) - Der Konflikt im Irak und Syrien weitet sich immer mehr zu einem Krieg zwischen Sunniten und Schiiten aus und lenkt da...
Bagdad (APA/Reuters) - Der Konflikt im Irak und Syrien weitet sich immer mehr zu einem Krieg zwischen Sunniten und Schiiten aus und lenkt damit das Augenmerk auf diese beiden größten Glaubensrichtungen des Islam. Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Es folgen einige Fakten zu den beiden Strömungen:
ENTSTEHUNG VON SUNNITEN UND SCHIITEN
Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebenten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden „Schiat Ali“, Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.
Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.
SIEDLUNGSGEBIETE IM IRAK
Im Irak stellen die Schiiten mit etwa 60 Prozent der Bevölkerung die Mehrheit, die Sunniten sind mit gut einem Drittel in der Minderheit. Die Regierung wird von Schiiten dominiert. Im Norden des Landes gibt es jedoch große Sunniten-Gebiete. Die sunnitische Extremistengruppe ISIS, die Schiiten als Ketzer betrachtet, ist dort auf dem Vormarsch. Die Schiiten-Milizen Asaib Ahl al-Hak und Kataib Hisbollah kämpfen dagegen aufseiten der schwächelnden irakischen Armee gegen ISIS. Der frühere Machthaber Saddam Hussein, ein Sunnit, hatte die Schiiten im Irak unterdrückt. Im Nordosten des Landes haben die Kurden einen weitgehend eigenständigen Staat errichtet.
SCHUTZMÄCHTE
Das Königreich Saudi-Arabien sieht sich als Schutzmacht der Sunniten. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Auch die im Irak, in Syrien und der Türkei lebenden Kurden werden wohl zu den Gewinnern der Krise zählen. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.
GLAUBENSRICHTUNGEN INNERHALB DER SCHIITEN
Die große Mehrheit der Schiiten sind sogenannte Zwölfer-Schiiten. Sie warten auf die Wiederkehr des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll. Ajatollah Ruhollah Khomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.
Eine andere Strömung des schiitischen Islam vertreten die Ismailiten, die auch als Siebener-Schiiten bezeichnet werden. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon.
Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt.
In der Türkei, wo die Mehrheit sunnitisch ist, leben die Aleviten (nicht zu verwechseln mit den Alewiten). Auch sie werden zum schiitischen Islam gezählt, ebenso wie die Bektaschi in Albanien, die man als eine Art Sekte des Alevitentums betrachten könnte.
KONSERVATIVE STRÖMUNGEN BEI DEN SUNNITEN
Anhänger des Salafismus streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Sicherheitsbehörden unterscheiden zwischen dem friedlichen, politischen Salafismus sowie den jihadistischen, militanten Salafismus. Die Übergänge sind fließend, die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.
In vielen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.
SUNNITISCHE ISLISTENORGANISATIONEN
Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.
Bekannter ist inzwischen die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation Al-Kaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Der syrische Ableger von Al-Kaida heißt Jabhat al-Nusra (Al-Nusra-Front).
Im Irak sorgt momentan die Extremistenorganisation Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (ISIS) für Aufsehen. Sie wurde 2003 unter dem Namen Al-Kaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen Al-Kaida, die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. ISIS gilt als radikalste Islamistengruppe in Syrien.
SCHIITISCHE EXTREMISTENORGANISATIONEN
Die libanesische Hisbollah wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah sollen in Syrien aufseiten von Assads Truppen kämpfen.
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