Literatur

Du sollst nicht sterben

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Fünf Jahrzehnte lang arbeitete Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti an einem „Buch gegen den Tod“. Jetzt ist es 20 Jahre nach Canettis Tod erstmals erschienen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Hundert Jahre wollte Elias Canetti dem Tod abtrotzen. Beinahe neunzig sind es geworden. 1994 starb der Literatur-Nobelpreisträger in Zürich, wo er seit den frühen 1970er Jahren lebte. Und bis wenige Stunden vor seinem Tod hat Canetti gearbeitet, sprich geschrieben. An einem nicht nur auf den ersten Blick irrwitzigen Buchprojekt, das ihn seit den 1940er Jahren mehr oder weniger umfassend beschäftigt hat. Ein Buch gegen den Tod wollte Canetti vorlegen, einen Text gegen die letzte, notgedrungen unüberwindbare Begrenzung des Lebens, die finale, existenzielle Kränkung.

Über die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens machte er sich dabei wenig Illusionen, doch gerade diese Aussichtslosigkeit beförderte Canettis Auseinandersetzung mit dem Thema, machte aus dem gefeierten Autor sprichwörtlichen „Todfeind“. Von der ursprünglichen Absicht, dem Tod in Form eines Ideenromans nach dem Vorbild der „Blendung“ Herr zu werden, verabschiedete sich Canetti schnell – und auch von der Hoffnung, seine umfangreiche Sammlung ge- und erfundenen Materials zur tragfähigen Grundlage eines schlüssigen Traktats zu machen, rückte zusehends in die Ferne. Seine Gedanken gegen den Tod notierte Canetti 1988, „müssen Fragmente bleiben“, disparate und mitunter hochgradig irritierende Zeugnisse eines verbissen geführten Kampfes, den man nur verlieren kann.

Letztlich ist Canettis „Buch gegen den Tod“, das jetzt gut 20 Jahre nach dem Ableben des Autors erstmals erschienen ist, also nicht nur das Konzentrat einer beinahe lebenslangen Obsession Canettis, sondern die zwischen Übermut, Zorn und Resignation oszillierende Dokumentation einer vorprogrammierten Enttäuschung. Kurzum: Wer sich von Elias Canetti tröstende Einsichten zur Akzeptanz der eigenen Endlichkeit erwartet, wird enttäuscht werden. Denn es ist nicht zuletzt diese Akzeptanz, dass sich Arrangieren mit dem Unausweichlichen, wogegen Canetti anschreibt. In dieser Haltung liegt auch die politische Dimension dieses „Todeskampfs“: Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit ist nichts, das man einer Wettervorhersage vergleichbar zur Kenntnis nehmen kann. Und was für das eigene Sterben gilt, gilt auch für den Tod anderer. Deshalb mündet Canettis Absage an den Tod immer wieder in eine Absage an das Töten und in einer fundamentalen Kritik am gängigen Umgang damit: Opferstatistiken sind ihm genauso ein Gräuel wie die romantisierende Beschwörung vermeintlich heldenhaften Sterbens oder zelebrierte Erlösungssehnsucht.

Nichts, so ließe sich Canettis unsystematische, aber beeindruckend konsequente Beschäftigung mit dem Tod auf den Punkt bringen, dürfe das ewige Skandalon der Sterblichkeit zur irgendwie erträglichen Grundbedingung der menschlichen Existenz, zur notwendigen Selbstverständlichkeit werden lassen. „Der Sonne und dem Tod kann man nicht fest in die Augen sehen“, zitiert Elias Canetti den Aphoristiker La Rochefoucauld – und führt in seinem „Buch gegen den Tod“ vor, dass diese Erkenntnis nicht bedeutet, es nicht immer wieder zu versuchen.

Textsammlung. Elias Canetti. Das Buch gegen den Tod. Hanser Verlag, 350 Seiten, 25,60 Euro.