Erdogan-Besuch: Friedliche Gegendemo in Wiener Innenstadt
Wien (APA) - Ohne Zwischenfälle ist die kleinere der beiden Gegendemonstrationen in der Wiener Innenstadt verlaufen. Laut Polizei nahmen run...
Wien (APA) - Ohne Zwischenfälle ist die kleinere der beiden Gegendemonstrationen in der Wiener Innenstadt verlaufen. Laut Polizei nahmen rund 350 Personen teil. Bereits um 13.00 Uhr begannen die Erdogan-Gegner, sich vor der Staatsoper zu versammeln. Die Veranstalter vom „Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks in Österreich“ teilten Türkei-Fahnen aus, viele Teilnehmer hatten auch selbst Plakate mit.
„Mörder Erdogan“, „Keep calm, hate Erdogan“ war darauf zu lesen, manche enthielten Hinweise auf die Gezi-Proteste 2013, die von dem türkischen Premierminister brutal niedergeschlagen worden waren. Die Stimmung unter den Demonstranten war ausgelassen, die meisten kennen sich.
Etwa 80 Prozent seien Vereinsmitglieder, schätzte Teilnehmerin Elif im Gespräch mit der APA. Ihr Vater hätte die Demonstration mitorganisiert, sie würde alle zumindest vom Sehen her kennen. Die geringe Teilnehmerzahl erklärte sie mit der großen Gegendemonstration in Kagran, bei der hauptsächlich „Linke“ vertreten wären. Elif bezeichnet es als Schande, dass die Rede Erdogans in Österreich erlaubt worden sei.
Eine Stunde warteten die Demonstranten darauf, dass Premierminister Erdogan die Ringstraße entlangfahren und an ihnen vorbeikommen würde. Als die Information kam, dass das nicht passieren würde, ziehen sie entlang der geplanten Route bis zum Sigmund Freud Park vor der Votivkirche. Der Demonstrationszug wurde von vielen Polizisten begleitet, die vor allem sicherstellten, dass der Straßenbahnverkehr am Ring weitgehend ungestört blieb.
Die Teilnehmer skandierten „Erdogan, verpiss dich, wir wollen dich hier nicht!“ und bezeichneten den Politiker als „Diktator“, „Mörder“ und „Faschist“. Hin und wieder wurden Lieder angestimmt. Trotz der aggressiven Parolen blieb es aber friedlich. Menschen jeden Alters nahmen an dem Protestmarsch teil, viele Eltern hatten ihre Kinder mitgebracht, die fleißig mitschrien und türkische Fahnen schwenkten.
„Ich bin sehr froh, dass unsere Demonstration friedlich verlaufen ist, es zu keiner Provokation gekommen ist und dass niemand zu Schaden gekommen ist“, sagte Vereinsobmann Murat Barlan zur APA. Ursprünglich wollte auch sein Verein bei der Albert-Schultz-Halle demonstrieren, sagte Barlan. Die Polizei „und andere“ hätten aber davor gewarnt, dass es bei Zusammenstößen zwischen den Gruppierungen zu Ausschreitungen und Provokationen kommen könnte und so hätte man sich dagegen entschieden. „Hauptsache wir stehen auf und sagen das, was zu sagen ist. Wo wir das machen, ist relativ egal“, meinte der Organisator.
Für ihn sei Erdogan ein „verdeckt agierender Islamist, der sich als Demokrat verstellt.“ Er versuche, die Türkei in einen islamischen Staat umzuwandeln, der nach dem islamischen Gesetz der Scharia regiert werde.
„Wir wollen Erdogan nicht“, sagte auch die Wirtschaftsstudentin Asli. Sie demonstriere gegen Faschismus in der Türkei. Auf die Frage der APA, was sie sich für die Türkei wünsche, antwortete sie: „Kennen Sie Atatürk?“ Die 22-Jährige wolle einen laizistischen, liberalen, demokratischen und sozialen Staat in der Türkei, wie ihn der Gründer der Republik, Mustafa Kemal Atatürk, aufgebaut hat.
Das wünscht sich auch Vereinsobmann Murat Barlan. Dass der türkische Premier in Österreich viele Anhänger hat, erklärte er mit der Medienlandschaft in seinem Herkunftsland, die von Erdogan unterdrückt würde. Die Befürworter unter den österreichischen Türken würden sich wenig für die aktuelle Politik interessieren und hauptsächlich türkische Medien konsumieren. Daher würden sie die „Wahrheit“ nicht kennen und von den Medien unter der Kontrolle der regierenden Partei AKP getäuscht werden.
Er wünsche sich, dass die Menschen in der Türkei in einem säkularen Staat friedlich leben können, so Barlan. Gerüchte, nach denen Erdogan sich im August zum Präsidenten wählen lassen und die Türkei in einen präsidiales System umwandeln wolle, sehe sein Verein mit großen Bedenken. Auch ein föderales System, in dem sich die Kurden vom Rest des Landes abspalten würden, lehnt der Vereinsobmann ab. „Die Kurden sind unsere Brüder und Schwestern. Wir sind eine große Familie und wollen zusammenleben“, so Barlan.
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