Das lebende Kunstwerk, das auf einer Kiste sitzt
Tim Steiner ist das erste lebende Kunstwerk der Welt. Er hat seinen tätowierten Rücken an einen Hamburger Sammler verkauft. Seitdem wird das „Tim-Projekt“ ausgestellt.
Von Deborah Darnhofer
Innsbruck – Tim Steiner fühlt sich als „Rahmen“. Der 37-jährige Schweizer trägt ein Kunstwerk auf seinem Rücken, wobei „tragen“ sinnbildlich zu verstehen ist. Denn Steiner hat sich für den belgischen Konzeptkünstler Wim Delvoye ein Tattoo, das zuvor bereits auf Schweinehaut verewigt wurde, stechen lassen. Damit nicht genug, wurde das so genannte „Tim-Projekt“ 2008 vom Hamburger Kunstsammler Rik Reinking gekauft. Seither tingelt Steiner von Zeit zu Zeit mit anderen gesammelten Werken Reinkings durch die Welt und ist als Kunst zu bestaunen.
Steiner: „Bin gerne der, der auf der Kiste sitzt“
„Ich bin gerne der, der auf der Kiste sitzt und ich bin gerne in Museen. Es ist schön, Objekt zu werden. Ich werde dann wie die anderen Werke und Installationen Teil der Ausstellung und je länger ich dort bin, desto mehr werde ich dazu. Das gefällt mir.“
Steiner war u.a. bereits im Louvre in Paris und saß 500 Stunden in Tasmanien auf einem Hocker. Es sei eine „unfassbare Anstrengung“: „Ich sitze stundenlang regungslos, starre die Wand an und höre Musik. Es tut im Körper weh und ich muss mich sehr konzentrieren, dass ich nicht zu müde werde. Aber es gab auch diese kurzen Zen-Momente, wo alles funktioniert hat und alles eins war.“
Dabei sieht sich Steiner nicht selbst als Kunstwerk. Er persönlich hätte sich auch nicht diesen wilden Mix aus verschiedenen Tattoo-Richtungen stechen lassen. „Das Tattoo ist sinnentfremdet. In der Tätowierwelt macht man eine Stilrichtung und zieht sie durch. Hier ist es ein Mix mehrerer Richtungen, die nichts miteinander zu tun haben. Es ist auch eine Aussage von Wim, das er das Tattoo als Medium braucht und es an sich eigentlich irrelevant ist“, erklärt der Schweizer.
„Spontan“ sei er auf die Idee gekommen, sich zum Kunstwerk machen zu lassen. In einer Zürcher Galerie stellte Delvoye 2006 aus und suchte einen Menschen für seinen nächsten künstlerischen Coup. Innerhalb von zwei Jahren wurde Tim Steiner zum Kunstwerk. Er, Rik Reinking und Wim Delvoye sind mittlerweile befreundet. „Ich habe eine enge Freundschaft mit Rik und verehre Wim. Er ist für mich der ultimative Künstler, er ist brillant. Teil von seiner Welt zu sein, auch wenn es nur ein sehr kleiner Teil ist, ist sehr schön.“
„Rik ist der Chef“
Ein seitenlanger Vertrag regelt die Rechte und Pflichten zwischen dem menschlichen Kunstobjekt Tim Steiner und dem Menschen hinter der Kunst, Sammler Rik Reinking. „Es gab Angebote zum Weiterverkaufen, aber Rik sagte Nein und das muss ich akzeptieren. Er ist der Chef.“
Der Vertrag sieht auch vor, dass das Tattoo beim Ableben von Steiner „entfernt“, die Haut also abgezogen wird. „Ich nehme das ganze ernst. Ich hoffe, Rik und Wim tun dies auch. Für mich ist es manchmal so, als ob wir drei mit geladenen Waffen am Tisch sitzen und gucken, wer zuerst den Colt zieht.“ Sammler Rik Reinking sieht das aber anders. Er könne schließlich auf sein Recht verzichten. „Ich denke überhaupt gar nicht dran, was später passieren wird.“
Die Auseinandersetzung mit dem Leben und Tod mache den Reiz des Kunstwerks aus. „Es ist ein unglaublich lebendiges und intensives Werk. Bei anderen Kunstwerken können wir relativ frei verfügen. Hier müssen wir das Kunstwerk erst fragen, ob es Zeit hat und ob es das möchte“, betont Reinking.
Seine Kunstwerke verbinde „zutiefst Menschliches, das nicht materiell gedacht“ werden könne. „Ich habe ein großes Problem mit dieser Fast-Food-Generation, in der wir Menschen konsumieren wie Wegwerf-Gut und auch so mit Freundschaften umgehen. Im Werk ist insofern natürlich auch eine ganz große Sozialkritik enthalten.“ Aus diesen Gründen will Reinking auch den Preis für Steiner nicht verraten. „Es ist eine Frage der Werte. Wir leben in einer Zeit, in der sich der Wert nur noch über das Geld definiert. Für mich hat Geld aber eine zu hohe Auflage, als dass es mich interessieren könnte. Wir brauchen es, um zu leben, aber es ist nicht richtig, wie es heute passiert, das es über alles gestellt wird.“
Tim Steiner hat durch den Verkauf seines Rückens jedenfalls noch nicht ausgesorgt. Er ist weiterhin als Manager in einem Tattoo-Studio in Zürich tätig. Auf der Weserburg in Bremen trat er zuletzt Ende Mai bei der Ausstellung „Existentielle Bildwelten“ (noch bis Februar 2015) auf.
Kritische Blicke
„Es kamen ältere Damen und rümpften die Nasen. Andere Besucher verzogen die Gesichter oder schüttelten die Köpfe. Das ist auch richtig so. Das Kunstwerk darf und soll polarisieren“, betont der Bremer Kurator Peter Friese. „Ich finde es spannend, dass es bis zuletzt offen bleibt, was nach dem Tod von Tim Steiner mit der Haut passiert. Dies ist keine leicht zu beantwortende Frage und deshalb überträgt sie sich wie die Aufforderung zu einer moralischen Wertung auf den Betrachter. Genau diese Offenheit und Ungeklärtheit möchte ich ausstellen.“
Für Rik Reinking geht die Reise mit seinem Kunstwerk Tim Steiner weiter. „Der Punkt ist wirklich diese Lebenszeit: was man dadurch erlebt, welche Diskussionen und Bewusstseinserweiterungen es gibt. Da wächst etwas über ein Werk hinaus und das ist viel, viel interessanter. Das hat viel, viel menschlichere Komponenten.“
Der 37-Jährige könne jederzeit sagen, er will nicht mehr, räumt Reinking ein. „Ich kenne ihn aber gut genug, er wird es durchziehen wollen.“ Und das habe er ihm auch gesagt: „Ich will meinen klapprigen Körper noch mit Hundert auf den Sockel gehievt bekommen.“ Im September wird das „Tim-Projekt“ in der Schweiz ausgestellt. Nächstes Jahr will Steiner „drei, vier Monate irgendwo sitzen“.
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