Kunst

Schauen, wie die Stille klingt

Spiel mit Gegenständlichkeit und Abstraktion: „flying blur IV“, 2010, von Thomas Riess, zu sehen derzeit in Stift Stams.
© Riess

Dort, wo bis 2015 das Museum Stift Stams eingerichtet werden soll, bestreitet derzeit Thomas Riess ein Heimspiel, bei dem er sich vor allem als vielseitiger Maler präsentiert.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –11,2 Kilometer pro Sekunde muss der Mensch zurücklegen, um die Erdanziehungskraft zu überwinden. Man darf sich das auch bildlich vorstellen, wenn Thomas Riess einen Raketenstart sich schneeweiß aus schwarzem Grund herausmaterialisieren lässt. Als pixel- oder strichcode-ähnliches Konglomerat aus unzähligen, dicht gesetzten Klebebandstrichen: Das Arbeiten mit Korrekturband­roller ist zu einem Markenzeichen des 1970 geborenen Tiroler Grafikers und Malers geworden. Ebenso wie sein Faible für Tauchgänge in unbekannte Welten – das Weltall genauso wie die Tiefsee –, die immer auch Metaphern für Seelenwelten sind. Und wohl auch darum schützend umhüllt gehören: Mit Raumanzügen und Taucherhelmen oder durch textile Kokons, die Sträflingsanzug genauso wie die zerschlissene Kleidung eines Obdachlosen sein könnten.

Dieser gesichtslose Kapuzenträger firmiert unter dem Titel „Rauschen“, so wie auch die gesamte Ausstellung, in der sich Riess hauptsächlich als bemerkenswerter Maler (der im Herbst in der Gruppenausstellung „Die Zukunft der Malerei“ im Klosterneuburger Essl Museum vertreten sein wird) präsentiert. Besonders mit der hier erstmals gezeigten Serie „flying blurbs“, in der Riess die Möglichkeiten des Mediums und die Unschärfen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion auslotet, wenn er mit expressivem Gestus breit gepinselte „Kleckse“ in Landschaften und Interieurs setzt.

Die Stamser Schau ist eine Art Heimspiel, ist der am Salzburger Mozarteum ausgebildete Künstler doch im Ort aufgewachsen. Und freut sich umso mehr darüber, die weitläufigen Räumlichkeiten des Stiftsmuseums bespielen zu dürfen. Der Kreuzgangbereich, wo Riess seine Korrekturband-Arbeiten zeigt, soll auch künftig für zeitgenössische Wechselausstellungen zur Verfügung stehen: Wenn nämlich das seit Langem geplante Museum Stift Stams eingerichtet ist, das neben Sakralkunst auch die vielen Facetten des Zisterzienser-Lebens beleuchten will. Über eine Mitfinanzierung des Landes laufen noch Gespräche, eine Kuratorin sei bereits beauftragt, heißt es aus dem Stift. Bis Ende 2015 soll das Museum eingerichtet sein.

Zunächst aber regiert hier das „Rauschen“, das er, so Riess, auch mit der Auseinandersetzung mit der Stille assoziiere – mit dem Geräusch, wenn man eine Muschel ans Ohr hält oder mit dem nur vermeintlich geräuschlosen Weltall, in dem die Wissenschaft den durch ein schwarzes Loch verursachten „tiefsten Ton im Universum“ gemessen hat. Die Töne von Riess’ Klanginstallation stammt allerdings von einer hängen gebliebenen CD, die jetzt den Soundtrack für eine Reise durch meist aus tiefer Schwärze auftauchenden, surrealen Bildwelten liefert.