Eisheilige, Bierdosen und ein Inder
Wenn ein Motorsport-Event verbindet: Rund um den Red-Bull-Ring herrscht ein buntes Treiben, das ganz verschiedene Menschen bewegt. Morgen kommt es mit dem Formel-1-Rennen (14 Uhr) zum Höhepunkt.
Aus Spielberg: Daniel Suckert
Spielberg –„Des sein sicher die Eisheiligen“, vermutet der eine Camper, der sich an diesem Freitagmorgen eine hellblaue Wollmütze tief ins Gesicht zieht und in einem Stuhl vor seinem Zelt Platz nimmt. „Die gibt’s nur im Mai, du Genie“, antwortet sein Sitznachbar abfällig. Die Spuren der exzessiven Vornacht versucht der Mann mit dem Schnauzbart hinter einer schwarzen Sonnenbrille zu verstecken. Das bunte Treiben rund um den Red-Bull-Ring in Spielberg bietet von allem etwas: von trinkfesten Männerrunden über fanatische Anrainer bis hin zu redseligen Gästen der „Reich und Schön“-Gesellschaft. Und alle werden durch den Benzingeruch der höchsten Motorsportklasse von Spielberg angezogen.
Das beliebte Formel-1-Dorf hinter der ersten Kurve am Ende der Start-Ziel-Geraden erreicht man über einen Anstieg. Ein ungefähr 100 Meter langer „Aufstieg“, der Alt und Jung gehörig ins Schnaufen bringt. Eine Anstrengung, die sich am Ende aber lohnt. Im Formel-1-Dorf sorgt ein DJ für den musikalischen Rahmen, die Top-Teams verkaufen ihre Fanartikel und fanatische Hobby-Fahrer messen sich an mehreren Simulatoren.
Das Highlight der Fan-Meile ist jedoch eine Ausstellung alter Formel-1-Boliden österreichischer Piloten. Von Jochen Rindts Lotus (1970) bis hin zu Gerhard Bergers Ferrari aus dem Jahre 1988, mit dem der Tiroler das Heimrennen der Scuderia in Monza gewinnen konnte, sind alle vertreten. Als gegen Mittag auch noch der originale V12-Motor des roten Flitzers angeworfen wird, sind die Herren der Schöpfung nicht mehr zu halten: „Gas, Gas, Gas“ – wenige Sekunden später steigt eine blaue Dunstwolke auf, parallel dazu werden im Sekundentakt die Smartphones für Videos gezückt. „Das war halt noch ein richtiger Sound“, ist unisono zu hören.
Da stimmt auch ein indischer Formel-1-Fan mit ein, der am Fuße des Anstiegs den weniger anstrengenden Weg in Richtung Paddock Club einschlägt. Dort, wo Reich und Schön das Formel-1-Wochenende verbringt. Exquisites Essen, Begrüßungsgeschenke, luxuriöse Sitze direkt über den Boxen – nicht nur für den einfachen Motorsport-Fan eine Besonderheit. „Die Autos klingen wie Karts. Das ist schade“, sagt der Inder. Seinen gehobenen Status erkennt man an seiner Kleidung. Spätestens aber wenn man die begehrte violette Paddock-Club-Akkreditierung um seinen Hals baumeln sieht, weiß man, wo der Herr mit dem sonnigen Gemüt heute seinen Tag verbringen wird.
Übrigens: Wetterempfindlichkeit tritt unabhängig vom Kontostand auf: „Ganz schön kalt. Wenigstens wird es morgen besser.“ Das lässt das indische Lächeln zurückkehren. „Der Stau bei der gestrigen Anfahrt hat mich überrascht. Ihr Österreicher seid doch stets gut organisiert.“
Gut, dass der indische Fan nicht mit Pensionsbesitzerin Astrid gesprochen hat. Die kam beim Thema „Fahrräder und Organisation“ ins Schmunzeln: „Viele von den gestellten Fahrrädern sind mittlerweile in privaten und dunklen Kellern verschwunden.“ Das findet die fünf Minuten von der Rennstrecke entfernt wohnende Steirerin ebenso enttäuschend wie die vereinzelten Anrainer, die sich über das Gastspiel der Königsklasse beschweren. Jetzt habe man doch endlich wieder ein solches Spektakel und dann müssen eine Handvoll Einwohner wieder den Spielverderber mimen.
Am späten Nachmittag zeigt sich vereinzelt die Sonne, das Quecksilber steigt in angenehme Bereiche. Und auch das unterkühlte Camping-Duo hat mit einem Dosenbier in der Hand wieder Betriebstemperatur erreicht. Vergessen sind die Sünden der Vornacht. Zumindest bis zum Samstagmorgen.
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