Wenn Jagd nach Profit nicht alles ist
Wie sehr dient meine Firma dem Wohl der Allgemeinheit? Diese Frage lässt sich mit professioneller Hilfe recht genau beantworten. Ein junger Fensterhersteller aus Oberlienz unterzog sich der Prüfung.
Von Catharina Oblasser
Oberlienz –Beinhartes Gewinnstreben, koste es, was es wolle, war einmal. In vielen Ländern Europas ist Firmen und Körperschaften zusehends wichtig, welche Auswirkungen ihr Handeln auf das Wohl der Allgemeinheit hat. So ist es beispielsweise nicht gleichgültig, ob die Firma mit Produkten handelt, die durch Kinderarbeit entstanden sind. Einen Unterschied macht es auch, ob die Erzeugnisse der Firma wichtige Bedürfnisse decken oder bloß dazu dienen, die Zeit totzuschlagen.
Michael Ausserhofer (29), Chef von „Tirolfenster“ in Oberlienz und gebürtig aus Sand in Taufers, hat sich mit diesen und vielen anderen Aspekten seiner Produktion eingehend auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist die so genannte „Gemeinwohlbilanz“ für Ausserhofers Unternehmen. Entstanden ist die Bilanz bei monatlichen Treffen mit drei anderen Betrieben in Südtirol, zu denen auch das Hotel von Sabine Strobl (51) in Sexten gehört. Ein externer Fachmann begleitete das Projekt.
„Wir konnten uns für die abgefragten Kriterien wie Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit selbst Punkte geben“, erzählt Ausserhofer. Danach wurde in der Gruppe diskutiert, ob die Punktezahl gerechtfertigt sei und die Bewertung dann eventuell nach unten oder oben korrigiert.
Strobl, die zwölf Angestellte hat, schnitt beim Kriterium „ethische Kundenbeziehung“ besonders gut ab. „Weniger gut war mein Ergebnis bei der Erhöhung der Branchenstandards. Ich sollte mehr nach außen gehen und auch andere für die Grundsätze des Gemeinwohls gewinnen.“
Die Oberlienzer Fensterfirma konnte dafür bei „Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte“ zu hundert Prozent punkten, schildert Ausserhofer. „Unsere Fenster aus Holz sind Klimaschutzfenster, dienen zur Wärmedämmung und als CO2-Speicher. Ein sehr sinnvolles Produkt.“ Weniger Gutpunkte gab es für die „Förderung ökologischen Verhaltens bei den Mitarbeitern“: „Den Punkt, ob meine 22 Mitarbeiter auf umweltfreundliche Weise zur Arbeit kommen oder nicht, habe ich noch nie thematisiert“, so der junge Chef.
Sowohl Strobl als auch Ausserhofer finden es sinnvoll, so viele Stunden in die Gemeinwohlbilanz investiert zu haben. Eine finanzielle Belohnung gibt es dafür zwar (noch) nicht. „Aber vielleicht werden in Zukunft Betriebe mit einer guten Gemeinwohlbilanz steuerlich oder anders begünstigt“, blicken die beiden Unternehmer in die Zukunft.
In Osttirol ist Ausserhofer vorerst noch Gemeinwohl-Einzelkämpfer. In Nordtirol haben 2013 schon 16 Pionierbetriebe die erste Gemeinwohlbilanz erstellt.