Vom großen „Du darfst“ der Anarchie
Fressen, Saufen, Sex und Boxen: Kurt Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist erstmals am Tiroler Landestheater zu sehen – zu überladen, zu kulinarisch.
Von Ursula Strohal
Innsbruck – Es war „der ganze verrottete Sentimentalitätskitsch“ der Herren Lehár & Co., den der junge Musiker Kurt Weill nicht ertrug. Das einstige Wunderkind hatte sich bei Engelbert Humperdinck das kompositorische Rüstzeug geholt, arbeitete als Korrepetitor und Kapellmeister an Theatern, studierte bei Ferruccio Busoni. „Mein Verhältnis zur Musik änderte sich grundlegend …“ Der Avantgardist Weill polarisierte. Er schrieb einen dissonanzenreichen, experimentellen Stil und entwickelte dann mit Bertolt Brecht das sozialkritisch geprägte epische Theater. Ein junger Wilder, in den späten 1920er Jahren noch keine dreißig, der Elemente aus Jazz, Tanzmusik, Kabarett und Zwölftontechnik verband. Die mit Brecht erarbeitete „Dreigroschenoper“ wurde zu einem Sensationserfolg, die folgende Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1930 von Nationalsozialisten gestört. 1933 verließ Weill Deutschland, ging nach Paris, 1935 nach New York, wurde Amerikaner und als Komponist ein anderer, lebte nur noch 15 Jahre.
„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist nun erstmals am Tiroler Landestheater zu sehen, der aggressive Dreiakter um die utopische Stadt Mahagonny, die zum Zweck grenzenloser Bedürfniserfüllung gegründet wird. Als die Stadt von einem Hurrikan verschont bleibt, fallen die letzten Hemmungen, der Untergang Mahagonnys hat begonnen. Wo einst noch Verbote galten, gibt es nur noch das große „Du darfst“ der Anarchie: „Vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles darf“, singen die Männer. Fressen, Saufen, Sex und Boxen bestimmen ihr Leben. Jim Mahoney wird nach einem Schauprozess hingerichtet, weil er seine Zeche nicht bezahlen kann. „Du stehst mir menschlich nah, aber Geld ist eine andere Sache“, sagt sein Freund.
Weil die Moral von simpler Eingängigkeit und Weltwirtschaftskrise immer und überall ist, verzichtet Regisseur Ulrich Peters auf eine Aktualisierung, nicht aber auf Überspitzung und kritische Hinweise. Ein Kleinbus bleibt in der Wüste liegen, was zur Ortsgründung führt. Zum Bordell steigt man in die Unterbühne, Uncle Sam alias Dreieinigkeitsmoses macht klar, wo man ist, und ein riesenhaftes Gelage, wie man isst. Das epische Theater verlässt Peters, wenn er statt der sachlich kommentierenden Schrifttafeln einen Sprecher, der auch als Spielmacher agiert, einsetzt und sich generell dramatisch verführen lässt. Es ist ein überladenes, zu kulinarisches Spektakel.
Bühnengestalter Thomas Dörfler, der zu üppigen Bildern neigt, beantwortet die Ausschweifungen in Mahagonny mit ebensolcher optischer Fülle. Großartig (wenn auch hierzulande nicht neu) ist auf einem Hochpodest, inmitten projizierter Hochhäuser als urbaner Organismus, das Orchester auf der Bühne postiert. Michael D. Zimmermanns Kostüme erzählen wie üblich einiges, am Ende auch von der faschistischen Bedrohung.
Mit rhythmischer Prägnanz, lockerem Stilwechsel und ironischer Brechung der sachlichen Lyrik und Kantigkeit ist das Orchester unter Alexander Rumpfs Leitung ideal präsent, die Musik, die nicht rühren will, doch beeindruckt, führt durch das Stück. Gesungen und gespielt wird vorzüglich von Jennifer Maines (Witwe Begbick), Dale Albright, Johannes Wimmer (Dreieinigkeitsmoses), Wolfgang Schwaninger (Jim Mahoney), der hier gekreuzigt wird, Florian Stern (Jack), Daniel Raschinsky (Bill), Mark Kugel (Joe), Joshua Lindsay (Tobby Higgins), den Mahagonny-Mädchen und dem Herrenchor. Die Jenny der Jennifer Davison hat eine schöne Stimme, die sie selbst in den Songs so wie die Figur selbst wenig charakterisiert rein opernhaft einsetzt.
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