styriarte: Die Harnoncourts lassen mit „Fairy Queen“ die Feen steigen

Graz (APA) - Holla die Waldfee: Die styriarte steht heuer unter dem Wahlspruch „Im Zauber der Natur“ - und was läge da näher, als Henry Purc...

Graz (APA) - Holla die Waldfee: Die styriarte steht heuer unter dem Wahlspruch „Im Zauber der Natur“ - und was läge da näher, als Henry Purcells Sommernachtstraum-Bearbeitung „The Fairy Queen“ ins Programm zu heben? Die wohl opulenteste der barocken Semi-Operas des Komponisten - eigentlich eine Mischung aus Schauspiel und musiktheatralen Masques - wurde vom Vater-Sohn-Duo Harnoncourt zur Spektakeloper geformt.

Eigentlich stehen die Masques jeweils am Ende der fünf Akte und sind, wenn überhaupt nur lose verbunden. Bei der Grazer „Fairy Queen“, die am Samstagabend in der Helmut-List-Halle ihre Premiere feierte, entfällt jedoch das Schauspiel - was den Abend von viereinhalb auf zweieinhalb Stunden reduziert und die Semi- zur richtigen Oper macht. So werden die fünf eigentlich als Stück im Stück gedachten musikalischen Sequenzen zu einem eigenständigen Ganzen, zu einer Collage, die in ihrer nicht-stringenten Dramaturgie aus unzusammenhängenden Einzelszenen beinahe modern anmutet.

Für dieses Sammelsurium aus Chorszenen, Tänzen, berührenden Arien, Skurrilitäten und Travestienummern zeichnete als Regisseur und Bühnenbildner wieder einmal Philipp Harnoncourt verantwortlich. Er lässt einen Bühnenprospekt aus alten Türen und anderem Treibgut den Abschluss für die Tri-Bühne bilden, die das Orchester gleichsam umschließt. Die Einzelteile eines zersägten Baumes strukturieren die Spielfläche.

Und nach anfänglichen Startschwierigkeiten gewinnt auf diesem Spielfeld die Harnoncourt‘sche Interpretation an Fahrt, traut sich der Regisseur doch zusehends, den Spektakelcharakter der Handlung aufzunehmen. Mit Staub haben seine Feen wenig am Hut. Da beendet ein Sänger die Moll-Arie der Kollegin mit der Kettensäge, kommt beim rüden, körperlichen Liebesspiel Pfefferspray zum Einsatz und kündigt Sopranistin Dorothea Röschmann die Sonne im Steireranzug an - während sich ihr Bass-Pendant Florian Boesch aus einem ebensolchen zum Disco-King der 1970er-Jahre mit Glitzeranzug schält. Und wenn Gott Hymen (sic!) mit den Rufen „Komm heraus“ zum Erscheinen aufgefordert wird, erscheint Lucian Freuds Porträt von Elizabeth II. auf der Bühne.

Einzig bei der Choreografie der bei Purcell obligatorischen Tänze (Anna Schrefl) steigen die Feen eher nicht zu Höhenflügen auf. Zwar wird der ansonsten fabelhaft agierende Arnold Schoenberg Chor an die Grenze seiner tänzerischen Möglichkeiten getrieben. Dass die beiden Profis Rita Sereinig und Max Niemeyer jedoch mehr Staffage denn Tänzer auf der Bühne sind, verwundert.

Umspielt von diesem mannigfaltigen Geschehen setzt unterdessen auch Vater Nikolaus Harnoncourt am Pult seines Concentus Musicus auf den großen Kontrast: Streicherdominierte, warm-weiche Passagen wie die behutsame Einschlaf-Arie „Hush no more“ gehen da Hand in Hand mit Elfentänzen und Hornpipes, bei denen das Orchester entfesselt loslegt.

Unter dem guten Sängerensemble, das sich auch durch permanente Kostüm- und Rollenwechsel nicht aus dem Konzept bringen ließ, ragten Florian Boesch und Dorothea Röschmann heraus. Boesch überzeugte mit seinem erstaunlich beweglichen Bass, während Röschmann, die 1995 bei den Salzburger Festspielen mit Harnoncourt ihren Durchbruch hatte, mit ihrem klaren und doch weichen Sopran samt feinem Vibrato die Halle dominierte - auch wenn sie in der Dynamik bisweilen überzog.

Am Ende stand großer Jubel für alle Beteiligten. Einem wahren Bravo-Sturm gegenüber sah sich aber natürlich nur einer: styriarte-Hausherr Nikolaus Harnoncourt bei seinem Heimspiel.

(S E R V I C E - „The Fairy Queen“ von Henry Purcell in der Helmut-List-Halle, Graz, Waagner-Biro-Straße 98a, im Rahmen der styriarte. Mit dem Concentus Musicus unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt sowie dem Arnold Schoenberg Chor, Inszenierung: Philipp Harnoncourt. Mit Dorothea Röschmann, Martina Jankova, Elisabeth von Magnus, Terry Wey, Joshua Ellicott und Florian Boesch. Weitere Aufführungen am 23., 25., 27. und 28. Juni. http://styriarte.com/events/the-fairy-queen/. Übertragung der Premiere am 12. Juli um 19.30 Uhr auf Ö1)