Irak: ISIS weiter auf Vormarsch - Jordaniens Streitkräfte mobilisiert
Bagdad/Ramadi/Washington (APA/dpa/AFP) - Die jihadistischen ISIS-Kämpfer sind weiterhin im Vormarsch im krisengeschüttelten Irak. Sie haben ...
Bagdad/Ramadi/Washington (APA/dpa/AFP) - Die jihadistischen ISIS-Kämpfer sind weiterhin im Vormarsch im krisengeschüttelten Irak. Sie haben in zwei westirakischen Städten 21 Menschen hingerichtet, wie Offiziere und Ärzte am Sonntag mitteilten. US-Außenminister John Kerry rief zur Überwindung konfessioneller Spannunger auf bei seiner Suche nach einer politischen Lösung für die Krise im Irak.
US-Präsident Barack Obama warnte unterdessen vor einem Übergreifen des Vormarsches der radikal-islamischer Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIS) auf die Nachbarländer. Der im Südwesten des Irak gelegene Nachbarstaat Jordanien mobilisierte inzwischen seine Streitkräfte an der jordanisch-irakischen Grenze. Die Jihadisten im Irak eroberten in den vergangenen Tagen mehrere große Städte, Hunderttausende Iraker flohen vor den Kämpfen.
Die 21 Exekutionen durch ISIS-Kämpfer erfolgten den Berichten zufolge am Samstag und Sonntag in den Städten Rawa (Raua) und Ana, die zuvor von der Terrorgruppe gestürmt worden waren. Bei den Getöteten handelte es sich den Angaben zufolge um Repräsentanten der bisherigen Autoritäten, darunter Stammesführer. Die irakische Armee hatte sich zuvor nach eigenen Angaben aus „taktischen“ Gründen aus Rawa und Ana zurückgezogen.
Augenzeugen berichteten etwa am Sonntag, dass ISIS einen Großteil der Ortschaft Haditha - 260 Kilometer westlich von Bagdad - unter ihre Kontrolle gebracht hätten. In der Region steht ein Euphrat-Staudamm mit einem strategisch wichtigen Wasserkraftwerk. Zuvor hatten die sunnitischen Extremisten bereits die Ortschaften Ana, Rawa sowie Al-Kaim im Grenzgebiet zu Syrien erobert, die ebenfalls am Euphrat liegen.
Irakische Medien berichteten ferner über das Vordringen radikal-islamischer Kämpfer auf einen irakisch-syrischen Grenzposten weiter südlich, nahe der Ortschaft Al-Walid. Die meisten Sicherheitskräfte hätten sich daraufhin entfernt. Eine Bestätigung von unabhängiger oder offizieller Seite gab es zunächst nicht.
Das Nachbarland Jordanien mobilisierte nach dem Vorrücken der ISIS-Terroristen die Streitkräfte an seiner Grenze. Das Königreich habe dutzende Verbände entlang der Grenze aufgeboten, verlautete aus Militärkreisen in Amman. Berichten zufolge sollen ISIS-Kämpfer die Stadt Rutba auf der Straße von Bagdad nach Amman und einen strategisch wichtigen Grenzübergang nach Jordanien eingenommen haben.
Die Außenminister der 28 EU-Staaten beraten am Montag in Luxemburg über die Lage im Irak. Sie wollen die Gewalt Terrorgruppe verurteilen und eine Regierung fordern, in der Sunniten und Schiiten gleichermaßen vertreten sind. „Unsere Möglichkeiten der Einflussnahme sind begrenzt“, sagte ein Diplomat.
Obama wies in einem Interview mit dem US-Sender CBS, das am Freitag aufgezeichnet und am Sonntag ausgestrahlt wurde, erneut den Gedanken einer Intervention mit Bodentruppen zurück. Er warnte vor der generellen Gefahr, die vom islamistischen Extremismus ausgehe. Die „extreme Ideologie“ der Islamisten sei eine „Gefahr auf mittlere und längere Sicht“, sagte Obama. Vom Irak aus könnte der Vormarsch der Jihadisten zum Beispiel „nach Jordanien übergreifen“.
Der US-Präsident wies auf die Gefahren hin, die etwa von der Organisation Al-Kaida im Jemen und von der Gruppe Boko Haram in Nigeria ausgingen. „Das wird zu einer globalen Herausforderung“, sagte Obama. US-Außenminister John Kerry startete unterdessen eine Initiative zur Eindämmung der aktuellen Krise im Irak, die ihn am Sonntag nach Kairo und nach Amman brachte. Danach folgt ein Treffen mit den NATO-Außenministern in Brüssel, sowie Konsultationen in Paris. Kerry will auch in den Irak reisen, ein Datum wurde aber zunächst nicht mitgeteilt.
Obama hatte am Donnerstag erklärt , die USA seien zu „gezielten und präzisen Militäraktionen“ bereit, wenn dies nötig sein sollte. Außerdem kündigte er die Verlegung von „bis zu 300“ US-Soldaten als Berater für das irakische Militär an.
Von der syrischen Provinz Ar-Raqqa (Rakka) aus waren die ISIS-Kämpfer vor einigen Monaten ins westirakische Al-Anbar gekommen. In der Stadt Falluja setzten sie sich im Jänner fest, eroberten Waffendepots der irakischen Armee und hielten Angriffen der Regierungstruppen stand. Vor eineinhalb Wochen nahmen sie die Millionenstadt Mossul ein und zogen dann rasch weiter in Richtung Bagdad. Inzwischen hat ISIS große Landstriche im Norden und Westen des Iraks unter ihrer Kontrolle.
Am Samstag demonstrierten als Reaktion auf den Vormarsch Tausende Schiiten bei militärischen Paraden ihre Macht. Wie Bewohner von Bagdad berichteten, marschierten allein in der Hauptstadt mehrere tausend Anhänger des radikalen Schiitenpredigers Muqtada al-Sadr (Moktada) auf. Laut Regierung haben sich inzwischen mehr als 2,5 Millionen Schiiten freiwillig zum Kampf gegen ISIS gemeldet. Iraks Ministerpräsident Nuri al-Maliki ordnete an, dass sie dafür monatlich umgerechnet rund 330 Euro bekommen sowie Verpflegungszulagen.
Die Feindschaft zwischen den muslimischen Glaubensrichtungen der Sunniten und Schiiten hat im Irak eine lange Tradition. Ex-Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, hatte die schiitische Mehrheit im Land diskriminiert. Nach seinem Sturz 2003 verloren die sunnitischen Stämme Macht und Einfluss. Nach dem US-Abzug 2011 entbrannte der Machtkampf aufs Neue. Die von Schiiten dominierte Regierung unter Maliki hält Sunniten seit Jahren von allen wichtigen politischen Posten im Irak fern.
(Wochenendzusammenfassung)
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