100 Jahre 1. Weltkrieg

Zwei Todesopfer am Hochzeitstag

© APA

Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau wurden heute vor 100 Jahren in Sarajevo ermordet. Es gab genügend Hinweise auf ein Attentat. Doch dies waren nicht die einzigen Fehleinschätzungen an diesem Tag.

Von Michael Sprenger

Wien –Es war der Hochzeitstag von Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie. Die Sonne strahlte an diesem Sonntag, dem 28. Juni 1914.

Es war knapp vor 10 Uhr, als der habsburgische Thronfolger mit seiner Frau im Salonwagen im Bahnhof von Sarajevo einfuhr. Knapp eine Stunde später soll Franz Ferdinand mit sterbender Stimme zu der neben ihm zusammengebrochenen Frau gesagt haben: „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleib am Leben für unsere Kinder.“ Kurz darauf verlor der Thronfolger das Bewusstsein. Das Sportcoupé mit zurückgeschlagenem Verdeck raste entlang der Straße parallel zum Fluss Miljacˇka zum Palast Konak. Knapp nach 11 Uhr herrschte Gewissheit. Der Thronfolger und seine Frau waren tot.

Diese für den Fortlauf der Weltgeschichte so dramatische Stunde in Sarajevo war reichhaltig an Fehleinschätzungen und Pannen.

Es gab im Vorfeld des 28. Juni genügend Hinweise und Warnungen für einen Anschlag. Doch sie wurden nicht nur allesamt ignoriert, die Vertreter der Monarchie übten sich in geradezu demonstrativer Gelassenheit. Die Sicherheitsvorkehrungen in der bosnischen Stadt erreichten an diesem Tag des Besuchs des Thronfolgers nicht annähernd das hierfür übliche Ausmaß. Es war ja kein offizieller Besuch. Franz Ferdinand war noch dazu in Begleitung seiner nicht standesgemäßen Ehefrau. Also war es aus Sicht des Hofes nur eine Privatreise.

Angesichts der Tatsache, dass Franz Ferdinand wegen eines großen Manövers in der Region war, wäre es also kein Aufwand gewesen, Sarajevo mit Soldaten sicher zu machen. Aber es war eben kein offizieller Besuch.

Für das liebende Paar war der 28. Juni der Hochzeitstag, für die Serben war es ein nationaler Feiertag. Dass der Thronfolger ausgerechnet am Veitstag der Krisenregion des Reichs seinen Besuch abstattete, musste für viele bosnische Serben als Provokation aufgefasst werden. Der Vidovdan erinnert die Serben an die Schlacht vom Amselfeld des Jahres 1389, an den Kampf der Serben gegen die osmanische Fremdherrschaft.

Dies alles dürfte den Machthabern egal gewesen sein, wohl auch Franz Ferdinand und seiner Frau, als sie in den eleganten Doppelphaeton der Wiener Automarke Gräf und Stift stiegen. Sieben Autos setzten sich vom Bahnhof aus in Bewegung. Das Ziel des Konvois war das Rathaus von Sarajevo. Der Thronfolger und Sophie Chotek von Chotkowa und Wognin saßen im dritten Wagen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich sieben Attentäter schon entlang der zuvor bekannten Route postiert. Die Wagenkolonne fuhr nahezu ungeschützt an der dichten Menschenmenge vorbei. Die Häuser waren mit schwarz-gelben Fahnen des Habsburgerreichs geschmückt. Unmittelbar vor der Cumurija-Brücke wartete bereits Muhamed Mehmedbašic´. Doch er war – wohl durch die jubelnde Menge – zu gelähmt, um die Bombe zu zünden. Also war nun der bosnische Serbe Nedeljko Cabrinovic´ an der Reihe. Er zerschlug das Zündschnürchen und warf die Bombe. Sie verfehlte ihr Ziel und explodierte unter dem folgenden Fahrzeug. Mehrere Offiziere wurden verletzt.

Doch der Erzherzog und seine Frau blieben unverletzt, sie standen auch nicht unter Schock. Der Attentäter sollte nach dem Anschlag das Zyanidpulver schlucken. Was er auch tat. Zugleich sprang er über die Brüstung in den Fluss. Doch der geplante Selbstmord misslang. Cabrinovic´ wurde verhaftet.

Spätestens jetzt hätte der Besuch in Sarajevo abgebrochen werden können, vielleicht müssen. Doch der Erzherzog informierte und kümmerte sich erst einmal um die Verwundeten. Dann sagte er: „Meine Herren, wir wollen unser Programm fortsetzen.“

Die Wagenkolonne fuhr also weiter Richtung Rathaus. Die in nächster Umgebung postierten Attentäter, alle jung und unerfahren, bekamen Nervenflattern. Vaso Cubrilovic´ sollte später zu Protokoll geben, dass er davon überzeugt war, das Attentat ausüben zu können. Aber dann sah er die Frau des Erzherzogs neben dem Thronfolger sitzen. Und dann begann er zu zögern. Bis eben der Konvoi an ihm vorbeigefahren war.

Gavrilo Princip, das 19-jährige Mitglied der revolutionären nationalistischen Vereinigung Mlada Bosna (Junges Bosnien), glaubte zu diesem Zeitpunkt, der Thronfolger sei schon tot. Doch schon bald musste er zur Kenntnis nehmen, dass das Attentat auf seinen Hauptakteur noch warten musste. Princip war klar, dass dies er sein würde.

Der Konvoi war derweil beim Rathaus angekommen. Dort kam es zum Eklat. Fehim Effendi Curcˇic´, Bürgermeister der Stadt, konnte in höchster Erregung nach dem gescheiterten Anschlag keine geeigneten Worte der Begrüßung finden. Also klammerte er sich an das vorgefertigte Manuskript. Als Franz Ferdinand dann die Worte „Hochbeglückt sind unsre Herzen über den gnädigsten Besuch“ hörte, da rastete der Erzherzog aus. Es war die einfühlsame Sophie, die ihren Mann beruhigen sollte. Nach kurzen Programmpunkten verließ man wieder das Rathaus. Der Erzherzog wollte noch die Verletzten im Krankenhaus besuchen.

Als Vorsichtsmaßnahme wurde aber der geplante Museumsbesuch gestrichen, die Fahrroute kurzfristig geändert. Doch darüber waren nicht alle informiert. Als der erste Wagen in die Franz-Joseph-Straße einbog und der Doppelphaeton ihm folgte, kam es zum Schlussakt der Tragödie. Oskar Potiorek, Statthalter von Bosnien, rief dem Fahrer zu: „Sie fahren ja falsch!“ Der Fahrer stoppte. Der Wagen rollte langsam zurück, um über den Appelkai seine Fahrt fortzuführen.

Jetzt wusste Gavrilo Princip, dass seine Zeit gekommen war. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Franz-Joseph-Straße. Der Wagen mit dem Thronfolger stand fast ruhend vor ihm. Die mitgebrachte Bombe zu entschärfen, war ihm zu aufwändig. Princip griff zur Pistole. Er trat aus dem Häuserschatten heraus und stand in Rufweite vor dem Erzherzog. Er drückte ab. Die erste Kugel war in den Unterleib der Herzogin eingedrungen. Ihre Bauchschlagader wurde zerfetzt. Die zweite Kugel traf den Erzherzog am Hals. Der vorne im Auto sitzende Oberstleutnant Graf Franz von Harrach fragte Franz Ferdinand nach Schmerzen. „Es ist nichts!“, sollte er als Antwort hören.

Ein Monat später kam es zum Großen Krieg, zur Jahrhundertkatastrophe.