„Gomorrha“ als Serie 2 - Zeigt „dunkle Seite der Gesellschaft“
München (APA) - Obwohl man ähnliche Geschichten schon vielfach für Film und Fernsehen realisiert sah, erzeugt „Gomorrha“ einen eigenwilligen...
München (APA) - Obwohl man ähnliche Geschichten schon vielfach für Film und Fernsehen realisiert sah, erzeugt „Gomorrha“ einen eigenwilligen Sog, der von der üblichen, cineastischen Herangehensweise an die Mafia abweicht. „Ich bin ohne Angst in dieses Projekt gegangen“, so Sollima. „Bei diesem Genre darf man nicht darauf achten, was bereits gemacht wurde. Man ist völlig alleine und versucht etwas Neues.“
Einen wesentlichen Beitrag zum gelungen Gesamteindruck lieferte der Hauptdrehort: Scampia, einer der 30 Stadtteile Neapels. Grau in grau wird hier die Tristesse des täglichen Lebens deutlich. Eine passende, aber nicht ungefährliche Umgebung für das Team. „Wir hätten es nur dort machen können“, betonte Produzentin Gina Gardini. „Scampia ist ein weiterer Charakter der Serie.“ Um alles über die Bühne bringen zu können, holte man die Bevölkerung vor Ort mit ins Boot, wie Sollima ergänzte.
Die Serie selbst bezeichnete der Regisseur als „Novum für Italien, sowohl was die Sprache als den Inhalt betrifft. Sie hat den Standpunkt der Verbrecher eingenommen, was den Zuschauern die dunkle Seite ihrer Gesellschaft von innen zeigt.“ Rein „didaktisch oder erzieherisch“ wolle er „Gomorrha“ aber nicht verstanden wissen. „Es ging um die Balance zwischen einem aufdeckenden Element und der Unterhaltung.“
Als Popcorn-Fernsehen kann man „Gomorrha“ deshalb aber nicht bezeichnen. Sehr behutsam wird hier mit der Rollenentwicklung umgegangen, wird der Zuseher ins Epizentrum der auf Angst basierenden Macht der Camorra gezogen. Für Saviano bestand dabei keine Gefahr, die Figuren zu positiv darzustellen. „Ciro hat beispielsweise von klein auf für das Böse gearbeitet. Es ist schwierig, in dieser Figur einen Mythos zu entdecken oder Empathie für sie zu entwickeln. Wir finden stattdessen einen oft ganz elenden Alltag.“
Davon abgesehen stand für den Autor bei der Verwirklichung der Serie nicht die bloße Abbildung von mafiösen Zuständen in der süditalienischen Stadt im Vordergrund. „Wir wollten zeigen, wie Macht funktioniert, wie man sie erhält. Es ging nicht darum, Neapel der Welt zu erklären, sondern die Welt am Beispiel von Neapel zu erklären. Das ist eigentlich ein neutraler Standpunkt: Ausgehend von diesem Realismus wird ein Stück der Wahrheit gezeigt.“
Das jüngste Puzzlestein im Kampf gegen die Mafia kam von Papst Franziskus. Er hat öffentlich Mitglieder der ‚Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, exkommuniziert. Ein wichtiger Schritt, wie Saviano in München unterstrich. „Es ist eine sehr starke Botschaft. Außerhalb Italiens mag das für viele vielleicht mittelalterlich wirken, aber den Menschen dort ist es sehr wichtig. Die langjährige Zusammenarbeit der Kirche und der Mafia in einigen Bereichen ist wieder aufs Tapet gebracht worden. Ich glaube zwar nicht, dass Franziskus deshalb in Gefahr ist. Es wird aber sicherlich von verschiedenen Seiten innerhalb der Kirche auf ihn Druck ausgeübt werden.“
Saviano selbst setzt seine Hoffnungen auf ein normales Leben unter anderem auf einen Gerichtsprozess, der derzeit in Italien läuft und im Oktober zu einem Urteil für zwei Clan-Bosse führen könnte. Beide haben ihm mit dem Tode gedroht. „Einer zeigte jetzt Reue und hat viele Fakten offengelegt“, erläuterte der Autor. „Grundsätzlich muss man festhalten: Sie fürchten, dass Licht auf ihre Taten fällt, nicht die Prozesse oder eine Strafe. Diese Machenschaften der Öffentlichkeit Preis zu geben, genau das habe ich getan.“ Und er wird es wohl weiterhin tun.
(S E R V I C E - „Gomorrha“ ist ab 10. Oktober auf Sky Atlantic HD zu sehen; www.sky.at)
Kommentare