Innenpolitik

Teamwork für die Patienten

Eine wichtige Maßnahme der Gesundheitsreform wurde auf Schiene gebracht. Mit der neuen, vernetzten Form der Primärversorgung sollen teure Spitäler entlastet werden.

Von Cornelia Ritzer

Wien –Seit Ende März wurde verhandelt, gestern wurde der ziemlich große Schritt in der Gesundheitsreform von Ministerium, Sozialversicherung und Ländern genommen. Beschlossen wurde, wie die neue Primärversorgung – also die Behandlung von Patienten bei niedergelassenen Ärzten – organisiert werden soll. Oberstes Ziel ist die Vernetzung der Gesundheitsberufe, die Patienten sollen an ihrem Wohnort von einem Team rund um den Allgemeinarzt betreut werden. Erste Modelle starten 2015, und 2016 soll zumindest ein Prozent der Bevölkerung in solchen Netzwerkstrukturen behandelt werden. „Das Konzept ist kein Allheilmittel, aber eine wichtige Weichenstellung für viele Herausforderungen im Gesundheitswesen. Ein Brückenschlag in die Zukunft“, freute sich Minister Alois Stöger (SPÖ) nach dem einstimmigen Beschluss. Auch wenn für die tatsächliche Umsetzung noch einige Finanzierungs-und Honorierungsfragen offen sind.

Mediziner werden also künftig mit anderen Gesundheitsberufen enger zusammenarbeiten und somit die teuren Spitäler entlasten. Vorteile der Vernetzung werden längere Öffnungszeiten auch am Abend und am Wochenende sein, und es soll mehr Zeit für Prävention und persönliche Gespräche bleiben. Denn im neuen Modell kann der Arzt manche Aufgaben abgeben. Beispielsweise sollen Hausbesuche bei chronisch kranken Patienten auch von Krankenpflegern absolviert werden können. Gleichzeitig sollen dadurch Arzt- und Gesundheitsberufe attraktiver werden – da die Work-life-Balance besser funktionieren soll.

Zentrale Figur im neuen Modell bleibt aber der Arzt. „Das Team um den Hausarzt“ lautet der Titel des Papiers, das gestern von der Bundeszielsteuerungskommission beschlossen wurde. Ein Titel, mit dem wohl die zuletzt sehr skeptischen Ärzte besänftigt werden sollten. Denn diese kündigten im Vorfeld öffentlich an, Kritikpunkte am Konzept zu haben – ihre Bedenken zogen sie nach Nachbesserungen seitens der Verhandlungspartner zurück. Die Rolle der Allgemeinärzte in dem neuen Modell werde gestärkt, heißt es nun, sie übernehmen bei der Primärversorgung auch die „medizinische Leitung“.

In einem früheren Entwurf war zuvor von kollegialer Zusammenarbeit der Gesundheits-Player zu lesen. Dass nun die nichtärztlichen Berufe zum „Team um den Hausarzt“ gehören, wird zwar grundsätzlich positiv aufgenommen, die Formulierung sorgte aber für Irritationen. Es sei „nicht ganz so toll, dass nicht der Patient im Mittelpunkt steht, sondern eine Berufsgruppe“, sagte etwa Gabriele Jaksch vom Dachverband der gehobenen medizinisch-technischen Dienste. Auch Patientenanwälte-Sprecher Gerald Bachinger kritisierte im Ö1-Mittagsjournal einen „Schwenk von der Patientenzentrierung hin zur Ärztezentrierung“. Nicht vom Team rund um den Hausarzt, sondern von jenem rund um den Patienten müsse die Rede sein, meinte er. Ähnliche Kritik übte Ursula Frohner, Präsidentin des Gesundheits- und Krankenpflegeverbands.

Auch Grünen-Gesundheitssprecherin Eva Mückstein bedauerte es, dass die Zusammenarbeit auf Augenhöhe scheiterte. Die Kooperation von Ärzten und Team begrüßt sie aber. Fundamental anders fiel das Urteil von FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch-Jenewein, selbst Medizinerin, aus. Sie fürchtet einen Weg weg vom selbstverantwortlichen Hausarzt und hin in Richtung verstaatlichte Versorgungszentren.

Transparenz und einen lebendigeren Dialog mahnte dagegen NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker ein. „Interessenvertretungen und Medien diskutieren die Entwürfe dieses Konzepts seit Wochen, während das Parlament und insbesondere die Oppositionsparteien Details erst zu Gesicht bekommen, nachdem alles entschieden ist. Das ist untragbar.“