Irak - Vormarsch der Jihadisten kommt syrischer Regierung gelegen

Bagdad/Damaskus (APA/AFP) - Der Vormarsch der ISIS-Jihadisten im Irak bereitet dem Westen große Sorge - doch für die syrische Regierung ist ...

Bagdad/Damaskus (APA/AFP) - Der Vormarsch der ISIS-Jihadisten im Irak bereitet dem Westen große Sorge - doch für die syrische Regierung ist er ein Segen. Syriens Machthaber Bashar al-Assad, der die Aufständischen im eigenen Land seit Beginn des Konflikts 2011 unterschiedslos als „Terroristen“ brandmarkt, kann das Erstarken der Jihadisten als Bestätigung für sein kompromissloses Vorgehen gegen alle Aufständischen darstellen.

„Nach mehr als drei Jahren ist der Zeitpunkt gekommen: Der Westen muss anerkennen, dass er sich geirrt hat, als er die Anwesenheit all dieser Leute (der Jihadisten, Anm.) in der Region unterstützt hat“, sagte Waddah Abed Rabbo, Chefredakteur der regierungstreuen syrischen Zeitung „Al-Watan“. „Es wird Zeit anzuerkennen, dass eine internationale Koalition nötig ist, um den Terrorismus zu bekämpfen, der sich von Jordanien bis in die Türkei ausbreitet“, forderte er. „Und selbstverständlich muss Syrien Teil dieser Koalition sein“, so Abed Rabbo. „Es macht die ganze Arbeit.“ Mit dem Kampf gegen die Jihadisten im eigenen Land helfe Damaskus „auch den Jordaniern und den Irakern“.

Nach Einschätzung von Experten könnte der von Syrien geführte Kampf gegen die radikalsunnitische Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (ISIS/ISIL) den Machthaber in Damaskus sogar wieder näher an den Westen heranführen. Der Nahost-Experte Volker Perthes von der in Berlin ansässigen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) glaubt, dass Damaskus die aktuelle Entwicklung in die Hände spielt. Doch während sich Damaskus als Vorreiter im Anti-Terror-Kampf darstellt, steckt Washington in einer Zwickmühle: Wenn die USA die irakische Regierung nicht unterstützten, werde ihnen „vorgeworfen, sie ließen den Irak in die Hände der Islamisten fallen“, sagte Perthes.

Und wenn Washington Bagdad hingegen militärisch helfe, werde es heißen, die USA kooperierten nicht nur mit dem Iran - sondern auch mit Assad: Sowohl der schiitisch geprägte Iran als auch die syrische Regierung sind Verbündete des schiitischen Regierungschefs Nuri al-Maliki in Bagdad.

Eine Annäherung Washingtons an Assad zum Zwecke des Anti-Terror-Kampfes würde laut Perthes die gemäßigte Opposition in Syrien weiter schwächen. Davor warnt auch der syrische Oppositionelle Samir Nashar von der Nationalen Koalition (NSC): „Assad hat es geschafft, die Aufmerksamkeit der Menschen von der Volksrevolution abzulenken und sie (die Revolte, Anm.) als extremistische Bewegung darzustellen“, sagte er.

Die Revolte in Syrien hatte im März 2011 zunächst als friedlicher Aufstand prodemokratischer Kräfte begonnen, der jedoch blutig niedergeschlagen wurde. Der Aufstand weitete sich zu einem Bürgerkrieg aus, in dessen Verlauf bereits mehr als 162.000 Menschen getötet wurden.

Zu Beginn hatten die moderaten Oppositionellen die Präsenz der ISIS in Syrien sogar begrüßt, kämpfte sie doch ebenfalls gegen Assad. Doch mit zunehmender Dominanz und Brutalität der jihadistischen Gruppierung wandten sich die Gemäßigten von der Organisation ab. Jetzt kämpfen moderate Oppositionelle und gemäßigtere Islamisten sowohl gegen Assad als auch gegen die Jihadisten im Land. Die ISIS-Extremisten riefen nun am Wochenende ein „Kalifat“ mit dem „Kalifen Ibrahim“ an der Spitze aus, womit sie ihren Herrschaftsanspruch über Teile Syriens und des Irak bekundeten.

Indessen intensiviert die syrische Regierung ihren Kampf gegen ISIS, wie der Vorsitzende der oppositionsnahen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, bemerkt. Vor der am 9. Juni begonnenen ISIS-Offensive im Irak habe die syrische Luftwaffe nur sporadisch Ziele der Jihadisten bombardiert, inzwischen gebe es täglich intensive Angriffe auf Bastionen der Jihadisten. „Auf diese Weise stellt sich das Regime als Kämpfer gegen ISIS dar“, sagt Abdel Rahman. Es gebe eine „stillschweigende Übereinkunft mit westlichen Ländern, die Jihadisten anzugreifen“.