Bischof Kräutler wird 75 - Option für die Armen und für Amazonien

Wien (APA/Kathpress) - Er gilt als streitbarer Kirchenmann, der sich in Fragen der Menschenrechte, der skrupellosen Ausbeutung Amazoniens wi...

Wien (APA/Kathpress) - Er gilt als streitbarer Kirchenmann, der sich in Fragen der Menschenrechte, der skrupellosen Ausbeutung Amazoniens wie auch in Kirchenthemen kein Blatt vor den Mund nimmt: „Dom“ Erwin Kräutler, Bischof der Amazonas-Diözese Xingu, wird am 12. Juli 75 und erreicht somit das Alter, mit dem Bischöfe üblicherweise um Pensionierung ansuchen.

Bereits 49 Jahre seines Lebens hat der österreichische Ordensmann in Brasilien verbracht. Seine Biografie, die er im Buch „Mein Leben für Amazonien“ darlegt, spiegelt die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte des Amazonas-Regenwaldes, seiner Völker und seiner Kirche wider, die er selbst entscheidend mitgeprägt hat.

Geboren wurde Kräutler am 12. Juli 1939 in Knoblach (Vorarlberg). Er ging hier in die Schule und war Mitbegründer der Katholischen Arbeiterjugend Vorarlbergs. Nach der Matura trat er in Liechtenstein in die „Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut“ ein, studierte in Salzburg Theologie und Philosophie und wurde am 3. Juli 1965 zum Priester geweiht. Monate später ging er als Missionar in die Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonas-Teilstaat Para, wo sein Onkel Erich Kräutler Bischof war. Xingu ist mit 368.000 Quadratkilometern die flächenmäßig größte Diözese Brasiliens und hat heute 700.000 Einwohner, davon 10.000 Indios.

Als „ersten Dolchstoß“ für den Amazonas und dessen Bewohner bezeichnet Kräutler den Bau der Transamazonica in den 1970er-Jahren. Die Straße quer durch den Urwald löste enorme Zuwanderung und soziale Spannungen aus und verschärfte auch den seelsorglichen Notstand. Brasiliens Bischöfe reagierten, angespornt durch das Zweite Vatikanische Konzil: Waren zuvor die wenigen Missionare der Region in rein sakramentalen Diensten tätig, entstanden nun Hunderte von ausgebildeten Laien geleitete kirchliche Basisgemeinden, die der junge Priester Kräutler aktiv unterstütze und regelmäßig besuchte. Die Bischofskonferenz gründete 1972 den Indianer-Missionsrat CIMI, dessen Präsident Kräutler von 1983 bis 1991 und später erneut ab 2006 war.

1980 wurde Kräutler zum Koadjutor seines Onkels, 1981 zu dessen Nachfolger als Bischof ernannt. „Eine Fülle von Problemen der Menschen auf der Transamazonica ist auf mich hereingestürzt“, sagt er im Rückblick. Schließlich stehe er als Bischof inmitten der „gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch kirchenpolitischen Auseinandersetzung“ und könne nicht so tun, als ob ihn „das alles nichts angeht“. Hieß es aus Wirtschaft und Politik, er solle doch bei seiner „spezifisch religiösen Mission“ bleiben, wies er dies zurück: Es gehe um Menschenrechte, Menschenwürde und oft auch „um Leben und Tod“, und: „Ich kann das Evangelium ja nicht den Toten verkünden“.

Sein Credo, Kirche müsse mit den Benachteiligten gehen statt nur für sie eintreten, nahm Kräutler wörtlich. Bei einer Demonstration von Plantagenarbeitern, denen man neun Monate den Lohn vorenthalten hatte, wurde er 1983 von der Militärpolizei verprügelt. Der Ruf der Menschen „Lasst ihn los, er ist unser Bischof!“ sei für ihn die „zweite Bischofsweihe“ gewesen, betont Kräutler oft.

Sein Leben wurde jedoch zugleich immer gefährlicher: 1987 rammte ein Kleinlastwagen in einem inszenierten Autounfall seinen Pkw und ließ ihn schwer verletzt zurück, während sein Beifahrer starb. Mehrere Mitstreiter Kräutlers wurden kaltblütig ermordet. Infolge der bis heute anhaltenden Morddrohungen lebt Kräutler in Brasilien seit 2006 unter ständigem Polizeischutz.

Was Kräutler Feinde bescherte, war vor allem sein unbeugsamer Einsatz für Indios, Kleinbauern und Landarbeiter in der Verteidigung ihrer Rechte gegenüber Großgrundbesitzern, Landspekulanten und Holzhändlern. Der Bischof war federführend beteiligt, dass die Indios 1988 zu Vollbürgern Brasiliens wurden und Rechte bekamen, deren Umsetzung allerdings nur schleppend vorankommt: Weiter gibt es Probleme mit Grundbesitz und Landnutzung, verschärft von Straflosigkeit, Menschenhandel sowie fehlendem politischen Willen zum Erhalt des Amazonas. Gravierende Menschenrechtsprobleme wie die katastrophale Gesundheitsbetreuung würden sich nicht ändern, solange Eigenbestimmung und Mitsprache der Indigenen nicht voll umgesetzt seien, sagt Kräutler.

Weltweit bekannt wurde Kräutler durch sein hartnäckiges Eintreten gegen das Mega-Kraftwerk Belo Monte am Xingu-Fluss, nahe der Bischofsstadt Altamira. Der bereits gestartete Bau des weltweit drittgrößten Wasserkraftwerks, dessen Stausee Ausmaße des Bodensees hat und 40.000 Anrainer vertrieben hat, werde „auf Biegen und Brechen, mit einer Strategie der vollendeten Tatsachen“ durchgepeitscht, so der Bischof. „Brasilien leugnet alles, was nicht sein darf“, so Kräutlers Kritik, die sich immer wieder auch gegen die europäischen Beteiligten des Projekts, darunter der österreichische Anlagenbauer Andritz, richtete.

Ganz erfolglos ist der lange Widerstand in Kräutlers Augen nicht gewesen, zumindest habe sich die Staatsanwaltschaft auf die Seite der Indigenen und der Flussbewohner gestellt, viele Prozesse würden weiter laufen und neue Allianzen wie etwa mit Umweltorganisationen seien entstanden. Für sein Indio-Engagement, zu dem auch das Eintreten gegen die Regenwald-Abholzungen und -Brandrodungen für Biodiesel-Monokulturen oder Sojaplantagen gehört, erhielt der Bischof 2010 den „Alternativen Nobelpreis“. Der laut WWF „wichtigste Menschen- und Umweltschützer Brasiliens“ betonte mehrfach, die Welt dürfe sich im Amazonas keine Atempause gönnen, wolle sie der Zukunft „mehr als nur Kahlschlag, Wüste und Chaos“ hinterlassen.

Bischof Kräutler erhielt auch zahlreiche andere internationale und österreichische Ehrungen, u.a. den Romero-Preis der Katholischen Männerbewegung, das Ehrendoktorat der Universitäten Innsbruck, Luzern, Bamberg und Para, das Goldene Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg und das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern der Republik Österreich, zudem ist er Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Knoblach und fast aller politischen Gemeinden am Xingu. Er selbst bezeichnet sich als „Brasilianer, in Österreich geboren“: 1978 erhielt er zusätzlich die brasilianische Staatsbürgerschaft, wiewohl er sich in seinem Geburtsland weiterhin heimisch fühlt und regelmäßig zu Vorträgen, Solidaritätsaktionen und Firmungen kommt.

Der Kirche im Amazonas praktiziere heute den Dialog und Respekt mit den Indios, betont Kräutler: Sie wolle kein christliches Weltbild „überstülpen“, sehe ihre Kulturen nicht als „Subkulturen“. Viele Probleme seien dennoch weiter ungeklärt - etwa dass 70 Prozent der Gemeinden von Xingu wegen Priestermangels an den Sonntagen keine Eucharistie feiern.

Aufgabe von Kräutlers Nachfolger wird auch die Teilung der Riesen-Prälatur Xingu in drei Diözesen sein, blickt Kräutler in dem gemeinsam mit dem Publizisten Josef Bruckmoser verfassten Buch in die Zukunft. Er selbst wolle nach Annahme seines Rücktritts durch den Papst „teils in Brasilien, teils in Österreich“ leben, für Firmungen, Einkehrtage oder den Orden zur Verfügung stehen, das Diözesanarchiv in Altamira ordnen oder eine „Geschichte des Xingu“ schreiben.