Fußball-WM: „Tormann-Libero“ Neuer als deutscher Erfolgsgarant

Porto Alegre (APA/dpa) - Manuel Neuer war am Montag beim 2:1-Sieg der Deutschen im Fußball-WM-Achtelfinale über Algerien bester Mann auf dem...

Porto Alegre (APA/dpa) - Manuel Neuer war am Montag beim 2:1-Sieg der Deutschen im Fußball-WM-Achtelfinale über Algerien bester Mann auf dem Platz. Der Tormann hatte vor 43.063 Zuschauern in Porto Alegre maßgeblichen Anteil am glücklichen Weiterkommen und war der Garant dafür, dass der lange Abend für das DFB-Team nach Verlängerung schließlich noch ein gutes Ende fand.

„Wir haben über 90 Minuten die Null gehalten“, sagte Neuer, der mehrmals als Libero für seine schwache Abwehr hatte einspringen müssen. „Das ist Harakiri“, lautete der kritische Kommentar von Deutschlands Tormann-Titan Oliver Kahn, der nun als ZDF-Experte bei der WM arbeitet, zu den mehrmals waghalsigen Ausflügen von Neuer, der die Aufregung nicht verstehen konnte. „Ich habe meine Spielweise nicht verändert. Ich spiele bei Bayern und der Nationalmannschaft öfters so. Der nasse Platz hat es hergegeben.“

Nach dem Pausenpfiff ging Neuer erst lange nach den Teamkollegen in die Kabine. Der Bayern-Torhüter musste tief durchatmen - eine ganze Menge Frust hatte sich beim 28-Jährigen aufgestaut, da er mit seinen mutigen Rettungstaten zum stärksten DFB-Verteidiger außerhalb des Strafraums mutierte. In seinem gewohnten Terrain agierte Neuer dagegen gewohnt umsichtig und souverän, war erst kurz vor dem endgültigen Schlusspfiff gegen einen Volleyschuss von Abdelmoumene Djabou (121.) machtlos.

Von einer „überragend guten Leistung“ seiner Nummer 1 gegen Algerien schwärmte der deutsche Bundestrainer Joachim Löw: „Neuer hat uns vor einigen ganz gefährlichen Situationen bewahrt, weil er als Libero agiert und in letzter Sekunde gerettet hat.“ So musste Neuer bereits in der neunten Minute nach Ballverlust des erneut unsicher agierenden Shkodran Mustafi auf der rechten Seite gegen Islam Slimani als Abwehrspieler aushelfen.

Auch in der 28. Minute eilte er gegen Sofiane Feghouli wieder aus seinem Tor und musste weit vor seinem Gehäuse Schlimmeres verhindern. Der Atem stockte den deutschen Fans aber vor allem in der 71. Minute, als Neuer per Kopf vor seinem Strafraum gegen Slimani wieder zur Stelle war. Und erst recht in der 89. Minute, als er den Last-Minute-K.o. gegen Feghouli verhinderte. „Torwart, Abwehr, Alleskönner! Gigant Neuer hält uns in der WM!“, titelte deshalb die „Bild“-Zeitung am Dienstag. „Torwart Neuer war der beste deutsche Abwehrspieler“, befand das „Hamburger Abendblatt“.

„Er musste im Tor, auf der Linie, nicht überragend halten. Überragend war, wie er mitgespielt hat, weil die langen Bälle der Algerier auf ihre schnellen Stürmer immer gefährlich waren“, analysierte Löw. Der deutsche Tormanntrainer Andreas Köpke scherzte, einen besseren Libero habe er selten gesehen, „den Franz Beckenbauer vielleicht“. Aber der deutsche Fußball-“Kaiser“ war in den 1970er Jahren Feldspieler und kein Schlussmann.

„Ich helfe, wo ich kann“, sagte der viel gelobte Neuer selbst und gestand: „Klar, ich habe in der einen oder anderen Situation Kopf und Kragen riskiert. Ich versuche, da zu sein für meine Mannschaftskameraden.“ Neuer bewertet sein Tun aber als kalkuliertes Risiko. „Wenn ich Angst hätte, würde ich auf der Linie bleiben“, beschrieb er das Spiel als Retter in höchster Not hinter einer hochstehenden Viererkette. Es sei ein schmaler Grat, auf dem er wandeln müsse. „Aber ich kann da nicht das Zögern anfangen. Ich muss meine Entscheidung zu hundert Prozent durchziehen.“

Der Erfolg gibt ihm recht: „Ich habe bis jetzt noch keine Rote Karte erhalten. Ich achte schon darauf, dass ich nicht vom Platz fliege“, auch wenn es „manchmal schon eng ist“. Dabei kommen ihm auch seine fußballerischen Qualitäten zugute. „Manuel hat schon früher immer gezeigt, dass er ein Riesenkicker ist“, bemerkte sein langjähriger Schalke-Kollege Benedikt Höwedes.

„Insgesamt sind diese Präsenz und das Antizipieren einmalig“, sagte Köpke über die Libero-Qualitäten von Neuer. „Er ist auf jeden Fall der kompletteste Torwart. Im Moment sehe ich keinen besseren“, betonte Köpke, der bei der EM 1996 zum bisher letzten deutschen Titelgewinn selbst als Schlussmann entscheidend beigetragen hatte.

Neuer ist eben nicht nur auf der Linie Weltklasse. Auch mit dem Fuß ist er sicher, im Spielaufbau ein Aktivposten. Auch deshalb hatte Löw den Welttorhüter ohne WM-Test den Kaltstart in Brasilien zugetraut. Vier Wochen hatte Neuer wegen seiner im DFB-Cup-Finale erlittenen Schulterverletzung pausieren müssen, aber die WM-Punktlandung glückte - ob gegen Portugal (4:0), Ghana (2:2) oder die USA (1:0). Der Dauertitelgewinner mit dem FC Bayern war immer in WM-Verfassung.

Auch im Nationaltrikot ist er ein Erfolgsgarant. Von 49 Länderspielen mit ihm gewann Deutschland 38, nur drei gingen verloren: bei der WM 2010 gegen Serbien (0:1) und im Halbfinale gegen Spanien (0:1) sowie beim Halbfinal-K.o. gegen Italien (1:2) bei der EM 2012. Am Freitag im Finalort Rio de Janeiro bestreitet der 28-Jährige gegen Frankreich sein 50. Länderspiel. Zum Jubiläum wünscht sich Neuer den Einzug ins WM-Halbfinale: „Wir brauchen aber mehr als hundert Prozent, um die Franzosen schlagen zu können.“ Und wohl erneut einen „Tormann-Libero“ Neuer in der Hochform von Porto Alegre.