Fuchsbandwurm auf dem Vormarsch
Kleiner Parasit, böse Folgen: Fuchsbandwurm-Erkrankungen nehmen deutlich zu. Anstecken kann sich im Prinzip jeder. Jägerverband und AGES untersuchen jetzt, wie hoch die Infektionsrate bei den Füchsen ist.
Von Elke Ruß
Wien –Bereits im ersten Halbjahr sieben Fuchsbandwurm-Patienten mit schweren Lebererkrankungen in Österreich, drei davon in Tirol: Was nach wenig klingt, ist eine dramatische Entwicklung, weiß Herbert Auer von der Abteilung für Medizinische Parasitologie an der Universität Wien: „Von 1980 bis 2010 hatten wir in ganz Österreich ein bis zwei Fälle im Jahr. 2011 waren es dann 13 Fälle, 2012 neun und im Vorjahr acht.“
Westösterreich gilt als Verbreitungsgebiet. Doch Meldungen, wonach in Tirol vermehrt Kinder betroffen seien, kann Auer nicht bestätigen – und er muss es wissen: Fuchsbandwurmfälle sind meldepflichtig, er betreut das Referenzlabor für Österreich. „Die Inkubationszeit beträgt zehn bis 20 Jahre“, erklärt der gebürtige Imster. Selbst wer sich im Kindesalter ansteckt, wird, wenn, meist erst als Erwachsener krank. Im Schnitt seien die Patienten bei der Diagnose über 50 Jahre alt.
Dem stv. Direktor der Pädiatrie I an der Innsbrucker Klinik, Thomas Müller, ist überhaupt nur ein Fall eines erkrankten Tiroler Kindes bekannt: Vor etwa zwei Jahren sei ein Patient aus Innsbruck-Land diagnostiziert worden. Häufiger sei der Hundebandwurm, der u. a. Leber und Lunge befällt, doch auch hier spricht Müller von „etwa einem Fall im Jahr“.
Der Fuchsbandwurm hat in Meister Reineke seinen natürlichen Endwirt. Verbreitet wird er über kleine Nager, wie Mäuse, die Fuchslosungen fressen – und wieder Beute von Füchsen werden. Der fünfgliedrige Parasit wächst im Fuchsdarm und stößt alle paar Tage das Endglied ab – prall gefüllt mit Eiern. „Dieses winzige Endglied scheidet der Fuchs mit der Losung aus. Man kann es nicht sehen. Aber die Eier sind unmittelbar infektiös“, weiß Auer. Mitunter jahrelang. „Minus 20 Grad machen ihnen nichts aus, nur Trockenheit und Hitze über 40 Grad mögen sie nicht.“
Die verbreitete Meinung, man könne sich primär über das Naschen ungewaschener Waldbeeren anstecken, teilt der Spezialist nicht: Eher als im Beerenschlag lande die Fuchslosung am Boden. Kritischer seien somit „Pilze, die ja durch die Erde wachsen“. Am wahrscheinlichsten sei die Kontamination der Finger durch wiederholten Kontakt mit dem Boden bzw. verunreinigten Gräsern und Moosen. Auer denkt dabei an Forstmeilen und das Bücken beim Spielen oder Wandern. Nicht zuletzt könne man „beim Heuen Eier inhalieren und schlucken, wenn sie in die Luft fliegen“.
Deshalb nennt er bei den Risikogruppen die Landwirte noch vor den Jägern. Der Mensch sei aber „ein schlechter Zwischenwirt: Wahrscheinlich werden sehr viele Menschen infiziert, aber nur wenige krank“, betont Auer. Doch wenn, dann ist Feuer am Dach: Die Larven befallen die Leber, sie ist bereits schwer angegriffen, wenn erste Oberbauchschmerzen auftreten. Teils wachsen Larven auch in den Gallengang hinein. „Die Symptomatik ähnelt einem Leber- oder Gallengangskrebs oder einer Zirrhose.“
Zur Bekämpfung muss „großzügig“ Lebergewebe entfernt werden, was oft schwierig ist, teils wird zusätzlich mit Wurmmitteln behandelt. Die früher ungünstige Prognose hat sich aber deutlich gebessert: „Vor 30 Jahren haben 90 Prozent das zehnte Lebensjahr nach der Diagnose nicht erlebt“, weiß Auer. „Heute überleben sicher 90 Prozent oder mehr das zehnte Lebensjahr nach der Diagnose.“ Auch eine vollständige Heilung sei möglich.
Grund zur Panik bestehe keine, betont Auer. Das Wichtigste sei gründliches Händewaschen nach Aufenthalten und Arbeiten im Freien. Bauern, Jägern und Freizeitsportlern empfiehlt er eine Blutuntersuchung auf Antikörper.
Als Grund für die Ausbreitung des Parasiten gilt die wachsende Fuchspopulation – auch als Folge der Tollwutprophylaxe. Sicher ist: Je mehr Füchse infiziert sind, desto eher stecken sich Menschen an. Um den Befall der Tiroler Füchse zu eruieren, starten Jägerverband und AGES im Herbst ein Screening, bestätigt Landesjägermeister Toni Larcher. 385 Tiere sollen untersucht werden.
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