Israel kalkuliert sorgfältig seine Schläge gegen die Hamas
Jerusalem/Gaza (APA/AFP) - Sorgfältig wägt die israelische Regierung derzeit ab, wie sie auf die Ermordung der drei entführten Jugendlichen ...
Jerusalem/Gaza (APA/AFP) - Sorgfältig wägt die israelische Regierung derzeit ab, wie sie auf die Ermordung der drei entführten Jugendlichen mutmaßlich durch Mitglieder der palästinensischen Hamas reagieren soll.
Einerseits muss sie den aufgewühlten Emotionen in der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragen, die durch neue Erkenntnisse über die letzten Minuten vor dem Tod der drei Religionsschüler neu angefacht werden. Anderseits will sie einen allgemeinen Gewaltausbruch in der Region vermeiden und die Solidarität des Auslands nicht aufs Spiel setzen.
Die Nachricht, dass die Leichen der drei beim Autostopp gekidnappten Teenager auf einem Feld notdürftig begraben aufgefunden wurden, löste auch international große Bestürzung aus. Eine Welle von Sympathieerklärungen verbunden mit der Hoffnung, dass die Täter gefasst werden, war die Folge. Doch sowohl die Stimmen aus dem Ausland als auch die Leitartikler der wichtigsten israelischen Medien drängten Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, kühlen Kopf zu bewahren und sich mit gezielten Operationen zu begnügen.
Die Obduktion der Toten hat die Annahme erhärtet, dass der 19-jährige Eyal Yifrah und die beiden 16-jährigen Naftali Fraenkel und Gilad Shaer bereits kurz nach ihrer Entführung erschossen wurden. Der staatliche israelische Rundfunk rekonstruierte am Dienstag gestützt auf Ermittlungen der Armee den Ablauf wie folgt: Die drei Talmudschüler trafen am 12. Juni gegen 22.00 Uhr an einer Haltestelle nahe der Siedlung Kfar Ezion zusammen, um zum Wochenende in ihre jeweiligen Heimatorte zu trampen.
Die Entführer in einem gestohlenen Hyundai mit israelischem Kennzeichen gaben sich als Israelis aus, so dass die Teenager arglos einstiegen. Kurz darauf müssen sie bemerkt haben, dass dies ein Fehler war, denn einer der Jugendlichen wählte den Polizeinotruf und flüsterte, er sei entführt worden. Die diensthabenden Polizisten nahmen den Anruf jedoch nicht ernst.
Ob der Notruf die Kidnapper fürchten ließ, die Polizei sei ihnen auf der Spur, weshalb sie einen Plan zur Freipressung von Häftlingen fallen ließen, ist nicht bekannt. Noch im Auto wurden die Jugendlichen aber kurz danach erschossen. Das Fahrzeug wurde am folgenden Tag im Dorf Dura, westlich von Hebron, in Brand gesetzt. Im Innern fanden die Ermittler eine Patronenhülse und Einschusslöcher.
Die Leichen wurden auf einem von Steinen und Gestrüpp bedeckten Gelände gefunden, auf dem sich nach Angaben des israelischen Fernsehens auch Felder der Familie eines der beiden gesuchten Hauptverdächtigen befinden. Die Anschuldigung der israelischen Ermittler, dass zwei Aktivisten der in Hebron operierenden Zelle der Hamas, Marwan al-Qawasmi und Ammar Muhammad Abu Eisha, hinter der Entführung stecken, scheint dadurch erhärtet. Dennoch waren sich die Kommentatoren und Sicherheitsexperten in den israelischen Medien am Dienstag einig, dass die Regierung nun sorgfältig abwägend vorgehen müsse.
„Israel muss die Hamas weiter zerschlagen, aber auf intelligente und chirurgische Weise“, kommentierte etwa Nachum Barnea in der meistverkauften Tageszeitung „Yediot Ahronot“. Die breite palästinensische Bevölkerung müsse ihren Alltag ungestört weiterleben können: „Kollektive Bestrafung treibt die Menschen im Westjordanland nur in die Arme der Hamas und bringt mehr und nicht weniger Terrorismus hervor.“
Amos Harel, Militärexperte der Zeitung „Haaretz“, sieht eine erhöhte Gefahr für Zusammenstöße zwischen rechtsextremen Israelis und der arabischen Minderheit auch in Israel: „Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zunahme der Hassattacken auf Moscheen geben und radikale Siedler werden palästinensisches Eigentum im Westjordanland angreifen“. Die israelische Polizei sei deshalb bereits seit Montag überall in erhöhter Alarmbereitschaft. Aus Ostjerusalem wurden dennoch am Dienstag drei Angriffe auf arabische Bewohner gemeldet.
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